Ralph Rückert
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Euthanasie - Die Emotionen (Teil 4)

29.12.2012
Von Ralph Rückert, Tierarzt

Wir haben bisher vom technischen Ablauf einer Einschläferung erzählt, haben die rechtlichen Bestimmungen erläutert und uns Gedanken darüber gemacht, was auf keinen Fall ein Grund für eine Euthanasie sein kann. Ein Thema bleibt noch, vielleicht das wichtigste überhaupt: Die mit der Einschläferung eines Haustieres verbundenen und unvermeidbaren Emotionen, und zwar für beide Seiten, Tierbesitzer und Praxis-Team.
Die Euthanasie eines Haustieres ist ein hochgradig emotionales Ereignis. Für manche Besitzer ist die Erfahrung derartig traumatisch, dass sie es danach für lange Zeit nicht oder sogar nie mehr über sich bringen, ein neues Tier anzuschaffen. Wenn wir uns an den ersten Teil dieser Artikelserie erinnern, so wird klar, dass wir unterscheiden müssen zwischen einer spontanen, zum Beispiel durch die Folgen eines Unfalls verursachten und einer geplanten, wegen chronischer, längerfristiger Erkrankungen notwendigen Euthanasie.

Im ersten Fall wird die Gefühlslage natürlich durch Schreck, Schock und Wut bestimmt, je nachdem, wie es zu dieser Situation kam. Als Tierbesitzer werden Sie von den Ereignissen buchstäblich überrollt und haben so gut wie keine Entscheidungsfreiheiten. Dementsprechend fühlen Sie sich ohnmächtig und überfordert. Meist ist es in solchen Situationen sehr schwierig, sich und seine Gefühle im Griff zu behalten.

Keine Entscheidungsfreiheiten zu haben, kann aber auch ein Vorteil sein. Das würden viele Tierbesitzer unterschreiben, die schon einmal den richtigen Zeitpunkt zu finden hatten, an dem ein chronisch krankes Tier eingeschläfert werden soll. Bei geplanten Euthanasien spielen Zweifel und Angst die wichtigste Rolle. Zweifel daran, ob die getroffene Entscheidung so richtig ist, und Angst vor dem, was da auf einen zukommt. Es ist wichtig, dass Sie sich dabei von uns helfen lassen!

Ob es nun überraschend oder geplant zur Euthanasie kommt: In den meisten Fällen helfen Sie Ihrem Tier, wenn Sie versuchen, Ihre Emotionen unter Kontrolle zu behalten, bis das Tier eingeschlafen ist. Wir wissen natürlich, wie schwierig das ist, aber es ist auch wichtig, damit der ganze Vorgang in Ruhe und Würde ablaufen kann.

Wie auch immer es zum Verlust Ihres Tieres kommt, was nach dem Ereignis an sich bleibt, ist Trauer, und zwar in einer Intensität, die Menschen, die keine Tiere haben, nicht im Entferntesten nachvollziehen können. Lassen Sie sich von solchen Leuten nicht in die Ecke stellen; es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die emotionale Belastung beim Tod beispielsweise eines Hundes mindestens die gleiche ist wie beim Tod eines sehr nahen Freundes. Sie müssen sich also keineswegs dafür schämen, dass Sie der Verlust Ihres Tieres so sehr mitnimmt. Aus psychologischer Sicht gibt es verschiedene Beschreibungen der Trauerphasen (nach Kast, nach Spiegel, etc.), auf die wir hier nicht näher eingehen müssen. Wir müssen uns nur klar machen, dass der Verlust eines Haustieres, das uns ein (eventuell sehr langes) Stück unseres Lebensweges begleitet hat, nicht spurlos an uns vorüber gehen kann und die Überwindung der Trauer Zeit und Arbeit kostet. Jeder wird mit seiner Trauer anders fertig, den einen richtigen Weg gibt es nicht. Wichtig ist vor allem eines: Wenn Sie bemerken, dass Sie nicht damit fertig werden, dann lassen Sie sich bitte unbedingt helfen, sei es von Menschen, die Ihnen nahe stehen, sei es von uns oder auch von Fachpersonen wie beispielsweise Psychologen oder Psychotherapeuten. Das mag übertrieben klingen, aber es gab auch schon Selbstmorde nach dem Verlust des Haustieres. So weit darf es nicht kommen.

Sollte man sich alsbald ein neues Tier ins Haus holen? Ist das pietätlos? Nein, sicher nicht, für manche Menschen (mich eingeschlossen) ist es die beste Medizin. Immer wieder haben meine Frau und ich uns nach dem Tod eines Hundes eine Pause verordnet und immer wieder haben wir es nicht geschafft und uns innerhalb von Wochen wieder einen Welpen zugelegt. Andere Menschen dagegen brauchen eventuell viel länger, bis sie auch nur daran denken können, wieder von vorn anzufangen. Beides ist richtig!

Abschließend wollen wir noch einen Punkt ansprechen, der nicht oft zum Thema gemacht wird: Auch der Tierarzt und sein Team haben bei einer Euthanasie mit Emotionen unterschiedlicher Art fertig zu werden. Sie werden das nicht immer bemerken, weil wir uns natürlich bemühen, so professionell wie nur möglich vorzugehen, und dazu gehört, dass wir uns zu jeder Zeit unter Kontrolle haben.

Fragt man Tierärzte, welche Tätigkeit Sie in ihrem Beruf als die schwierigste und belastendste empfinden, so wird eigentlich so gut wie immer das Einschläfern als erstes genannt. Es ist auch nachgewiesen, dass es dabei für Arzt und Personal zu den höchsten Stressbelastungen kommen kann, die in der Tierarztpraxis überhaupt auftreten. Einem guten Tierarzt ist voll und ganz bewusst, dass die reibungslose und fehlerfreie Durchführung einer Euthanasie eine seiner wichtigsten Tätigkeiten ist. Dementsprechend kann die Einschläferung eines Tieres durchaus Angst auslösen, Angst davor, dass etwas schief geht, dass die Situation ausartet und der Besitzer neben seiner Trauer auch noch einen schlimmen Eindruck von den letzten Minuten seines Tieres mit nach Hause nimmt. Angst kann bei aller Professionalität auch eine Rolle spielen, wenn man es mit hochgradig aggressiven Tieren zu tun bekommt, bei deren Euthanasie massive Konflikte zwischen dem Interesse des Tierhalters an einer ruhigen und würdevollen Vorgehensweise und dem gesetzlich vorgeschriebenen Schutz des Personals vor Verletzungen erwartet werden müssen.

In vielen Fällen schläfere ich ein Tier mit einer Mischung aus Trauer und Erleichterung ein. Erleichtert bin ich meist darüber, dass es mir als Tierarzt erlaubt ist, meinen Patienten eine Art Notausgang anbieten zu können, bevor sie wirklich schlimm leiden müssen. Es kann auch sein, dass ich erleichtert bin, weil der Besitzer nicht auf Kosten des Tieres klammert und dadurch den eigentlich richtigen Zeitpunkt zur Einschläferung verpasst. Der Grad der Trauer ist natürlich stark davon abhängig, welches Tier ich unter welchen Umständen euthanasieren muss. Ein Patient, den wir sein ganzes Leben lang betreut haben, macht uns da verständlicherweise deutlich mehr zu schaffen als einer, den wir gerade erst kennen gelernt haben. Traurig ist es auch, wenn das Schicksal mal wieder so richtig ungerecht zuschlägt und ein noch junges Tier sterben muss.

Alles in allem kommt es selten vor, aber ab und zu hat man als Tierarzt bei einer Euthanasie auch richtig Wut im Bauch. Schwerste Vernachlässigung kann so eine Sache sein, die mich wirklich zum Kochen bringt. Da kann ich mir dann manchmal auch nicht mehr helfen und bringe meine Empörung mit harten Worten zum Ausdruck. Die im dritten Artikel der Serie angesprochene Euthanasie aus Gründen finanzieller Verantwortungslosigkeit des Besitzers ist ein weiterer Punkt, der mich aus der Fassung bringen kann. Aber, wie gesagt, beides ist dankenswerterweise sehr selten.

Seien Sie sicher, wir wissen (nicht zuletzt aus eigener Erfahrung), was Sie bei der Euthanasie Ihres Tieres durchmachen, und wir geben unser Bestes, diesen Vorgang für Sie so perfekt wie möglich zu gestalten. Haben Sie im Gegenzug bitte Verständnis dafür, dass uns auch mal die Hände zittern oder eine Träne im Auge steht. Mit dieser Bitte kommen wir zum Ende des Artikels und damit auch der Serie. Wir hoffen, dass wir Ihnen dieses sehr schwierige Thema etwas näher bringen konnten.

Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr

Ralph Rückert


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