Ralph Rückert
Tierarzt und Blogger
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Erste Hilfe mal anders gesehen

08.09.2013

Von Ralph Rückert, Tierarzt


Als ich vor einiger Zeit um Themenvorschläge für Blog-Artikel bat, wurde mehrfach "Erste Hilfe" genannt. Eigentlich offensichtlich! Warum habe ich bisher noch nichts dazu geschrieben? Ehrlich gesagt habe ich mich gedrückt, denn bei kaum einem anderen Thema klaffen Erwartungen und Realität so weit auseinander. Warum ist das so?

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Denken Sie doch bitte mal an den Begriff "Erste Hilfe". Was geht Ihnen als erstes durch den Kopf? Na klar, Mund-Nase-Beatmung und Herzdruckmassage, vielleicht, wenn der Führerschein noch nicht zu lange her ist, auch noch die stabile Seitenlage. Heroische Lebensrettung bzw. Wiederbelebung ist die Hauptassoziation, die wir bezüglich Erster Hilfe im Kopf haben. Blöd nur, dass das mit der Realität nicht das Geringste zu tun hat.


Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass irgend jemand (inklusive Ihres Tieres) in Ihrer Anwesenheit einfach mit einem Herzstillstand umfällt oder so schwer verletzt wird, dass es zu einem solchen kommt, liegt im astronomischen Bereich. Und wenn es doch passiert, sind Ihre Chancen, daran etwas zu ändern, im besten Fall minimal. Ich will Sie nicht total entmutigen, und natürlich sollen Sie, wenn ein Mensch mit Herzstillstand vor Ihnen liegt, das tun, was Sie mal im entsprechenden Kurs in grauer Vorzeit gelernt haben. Sollte das mit einem Tier passieren, können Sie eigentlich auch gleich aufgeben, denn Sie haben (von absolut exotischen Ausnahmen abgesehen) keine realistische Chance. Herzdruckmassage und eventuell zusätzliche Beatmung sind derartig anstrengend, dass ein einzelner Ersthelfer nur wenige Minuten durchhält. Das macht dementsprechend nur dann Sinn, wenn man weiß, dass Hilfe in der Person des Notarztes mit Sirene und Blaulicht unterwegs ist.


Für Tiere gibt es kein echtes Rettungswesen. Auch die im Fernsehen gezeigten und in Großstädten aktiven Tierambulanzen können ein solches nicht ersetzen, da für Tiere keine Einsatzfahrten mit Blaulicht und Sirene erlaubt sind. Hat also Ihr Tier einen Herzstillstand, kann Ihnen niemand zu Hilfe eilen. Es liegt an Ihnen, das Tier in eine Praxis oder Klinik zu bringen, und das geht nicht unter Beibehaltung der Herzdruckmassage / Beatmung. Auch wenn Sie einen Tierarzt erreichen, der mit seinem Privatfahrzeug unter Einhaltung der Verkehrsregeln in vertretbarer Zeit am Ort des Geschehens eintreffen könnte, würde das nicht viel bringen. Ohne Hilfspersonal und ohne die enormen technischen Möglichkeiten eines modernen Noteinsatzfahrzeuges gibt es nicht viel, was man tun kann, Profi hin oder her. Das ist der Grund, warum Sie in so einer Situation gleich aufgeben können und warum die Beschäftigung mit diesem Teilbereich der Ersten Hilfe allenfalls Unterhaltungswert hat. In den von verschiedenen Organisationen angebotenen Kursen für Erste Hilfe bei Tieren wird der Reanimation unsinnigerweise trotzdem viel Zeit eingeräumt.


Ich werde in diesem Artikel auf keine Details der Ersthilfe bei Tieren eingehen. Das Thema ist zu umfangreich, um in einem Blog mal kurz abgehandelt zu werden. Dafür ist die Buchform bestens geeignet, und da gibt es ein breites und meist ganz brauchbares Angebot, wie man auf Amazon sehen kann. Mir geht es vielmehr um den für mich wichtigsten Gesichtspunkt der Ersthilfe: Vorausdenken und Vorbereitung! Und genau da hapert es bei den meisten Tierbesitzern ganz gewaltig.


Stellen Sie sich vor: Ein schöner Sommertag, Sie fahren mit Ihrem 35 kg schweren Hund auf den Parkplatz beim Kiesental und machen einen schönen Spaziergang, zuerst einen halben Kilometer bergab und dann noch zwei Kilometer weiter ins Tal hinein. Und genau da hinten tritt Ihr Hund in eine Glasscherbe und verletzt sich dabei eine Arterie an der Beugeseite der Pfote. Ihr Hund blutet beängstigend stark und kann nicht mehr laufen. Und jetzt? Haben Sie Verbandszeug dabei? Wenn nicht: Haben Sie wenigstens Ihr Handy? Auch nicht? Dann wird es echt problematisch. Sie werden improvisieren müssen. Ein zerrissenes Kleidungsstück könnte helfen, vorausgesetzt Ihr Hund lässt Sie die stark schmerzende Pfote überhaupt berühren. Hat er das gelernt? Auch nicht? Dann haben Sie Ihren Hund in einem Naherholungsgebiet und einen Kilometer Luftlinie von der nächsten Tierarztpraxis entfernt in eine lebensbedrohliche Notlage gebracht, die eigentlich leicht vermeidbar gewesen wäre. Und wenn Sie einen Druckverband mit was auch immer hinbekommen: Können Sie Ihr schweres Tier 2,5 Kilometer weit tragen, den letzten halben Kilometer bergauf? Duldet Ihr Hund das Tragen überhaupt?


Ich denke, Sie alle verstehen, was ich sagen will. Bezüglich Notfällen wäre viel gewonnen, wenn man entsprechend vorausdenken würde. Das Material für einen schnellen Druckverband passt in die kleinste Tasche und sollte immer dabei sein, auch für den halbstündigen Routinespaziergang an der Blau oder auf dem Hochsträß. Und das Handy ist für uns Hundebesitzer sowieso ein absolutes Muss. Einer meiner Hunde wurde vor Jahren nur 150 Meter von unserem Haus entfernt angefahren. Er war bewusstlos mit unklarem Verletzungsbild, ich konnte ihn also weder allein lassen noch transportieren. Ohne Handy ist man da wirklich aufgeschmissen, mit eventuell tragischen Folgen.


Bedenken Sie immer das Verhältnis zwischen dem Gewicht Ihres Hundes, Ihrem Gewicht und Ihrer Körperkraft, den zurückzulegenden Wegstrecken und der Geländebeschaffenheit. Letztes Jahr ging im Internet ein schwerer Shitstorm über ein US-amerikanisches Paar nieder. Die beiden hatten mit ihrem Rottweiler eine technisch unschwierige, aber sehr lange Wandertour in den Rocky Mountains angefangen. Nicht bedacht aber hatten sie die besondere lokale Geländebeschaffenheit mit sehr scharfkantigem Gestein. Auf halber Strecke konnte der Hund nicht mehr weiter, da alle vier Pfoten unbrauchbar geworden waren. Das Ganze spielte sich in fast 4000 Meter Höhe ab, der Weg ins Tal war noch über 4 Stunden lang. Der Besitzer hat mehrfach versucht, den 55 Kilogramm schweren Rottweiler zu tragen, was natürlich hoffnungslos war. Also mussten sie den Hund letztendlich zurücklassen, denn für eine Nacht in den Bergen waren sie absolut nicht ausgerüstet. Eine ganz schlimme Situation, die bei entsprechender Planung nie eingetreten wäre. Nur zur Beruhigung: Der Rottweiler wurde später von einer Bergsteigergruppe gerettet.


Je schwerer also Ihr Hund ist, desto mehr müssen Sie sich darüber Gedanken machen, ob Sie bei dieser oder jener Unternehmung Ihr Tier im Notfall noch transportieren können. Genau weiß ich es zwar nicht, aber ich nehme nicht an, dass ein Rettungshubschrauber kommt, wenn ein nicht mehr gehfähiger Hund aus einer unzugänglichen Gegend geholt werden muss, und wenn doch, dann wird man wohl teuer dafür zahlen müssen. Demzufolge würde ich mit einem Hund, den ich aufgrund seines Gewichts nicht tragen kann, niemals irgendwo rumlaufen, wo man nicht zur Not mit dem Auto rankommt.


Sollten Sie je in die Verlegenheit kommen, Ihren Hund über größere Strecken tragen zu müssen, so wird das meist nur unter Zuhilfenahme des sogenannten Gamstragegriffes halbwegs kraftsparend funktionieren. Und das bringt mich zum weiter oben schon mal angedeuteten Thema des vorsorglichen Trainings mit dem Hund. Die schönsten Verbandsmaterialien und Pläne sind keinen Pfifferling wert, wenn Sie sie mangels Kooperation Ihres Tieres nicht zur Anwendung bringen können. Es ist den Hunden nicht von vornherein gegeben, Manipulationen an schmerzenden Wunden oder ungewohnte Tragetechniken widerspruchslos hinzunehmen. Das muss vorausschauend geübt werden. Sollten Sie unsicher sein, wie man das anfängt, sprechen Sie uns bitte an. Es ist nicht schwierig, zumindest nicht bei Hunden mit guter Grundausbildung. Unser Terrier Nogger lässt sich auf jede Art und Weise tragen und sogar im Rucksack transportieren.


Ein letzter Punkt: Vorsorgliche Planung bedeutet auch, in einem dringenden Notfall in einer fremden Gegend nicht erst noch ewig mit dem Smartphone nach der nächstgelegenen Tierarztpraxis suchen zu müssen. Im Idealfall haben Sie diese schon vorher ermittelt und gespeichert. Ich weiß, irgendwie wirkt das jetzt pedantisch, aber es kann Ihnen im Ernstfall genau die Minuten ersparen, auf die es ankommt.


Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr


Ralph Rückert


 


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Bei den Quellen 16, 89077 Ulm / Söflingen