Ralph Rückert
Tierarzt und Blogger
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Zwei kurze Anmerkungen für Kaninchenfreunde

04.02.2015

Von Ralph Rückert, Tierarzt


Was Kaninchen angeht, brennen mir diese Woche zwei Themen unter den Nägeln, die einerseits beide irgendwie nicht genug für einen ganzen Artikel hergeben, andererseits aber dringend mal erwähnt werden müssen.

Bild zur NeuigkeitBild zur Neuigkeit

Finger weg von Widderkaninchen!


Letztes Wochenende fand in Ulm die 25. Bundes-Rammlerschau statt. Die Südwest-Presse berichtete über das Ereignis und schmückte den Artikel mit dem Foto eines Widderkaninchens. Widder sehen ja auch wirklich nett aus - aber leider nur für Nicht-Tierärzte! Viele Kaninchenfreunde erliegen dem Charme der Hängeohren und fallen später aus allen Wolken, wenn sie ihre Tierarztrechnungen begleichen müssen.


Mal ganz von vorne: Wozu dient der Gehörgang, also die Verbindung zwischen Außenwelt und Trommelfell? Ganz klar: Er dient der Schallübertragung! Das empfindliche und sehr verletzliche Trommelfell muss geschützt werden, liegt also recht tief im Kopf. Andererseits soll es Schallwellen aufnehmen und ans Mittel- und Innenohr weitergeben. Dazu ist der Gehörgang notwendig. Damit das auch funktioniert, muss sich im Gehörgang eine frei bewegliche Luftsäule befinden, denn Schallwellen sind Luftbewegungen. Wie sieht nun aber der Gehörgang eines Widderkaninchens aus? Das können Sie sich ganz einfach vorstellen, indem Sie ein Stück Gartenschlauch in die Hände nehmen und abknicken. Der Schlauch ist nun an der Knickstelle komplett verschlossen. Da geht nichts mehr durch, weder Wasser noch Schallwellen. Ziemlich blöd, nicht wahr?


Daraus ergeben sich mehrere üble Probleme: Erstens ist ein Widderkaninchen zwar nicht komplett taub, aber doch von vornherein ganz erheblich hörbehindert, in etwa so, wie wenn Sie sich die Finger in die Ohren stecken. Zweitens können die zum Zwecke der Selbstreinigung des Gehörgangs von den Ohrschmalzdrüsen gebildeten Sekrete, die unterhalb der Knickstelle produziert werden, nicht wie von der Natur vorgesehen frei nach außen wandern. Und drittens ist dieser Sekretstau unter Luftabschluss zwischen Trommelfell und Knickstelle ein geradezu idealer Nährboden für bestimmte Bakterien. Wenn sich in diesem Bereich mal eine eitrige Gehörgangsentzündung gebildet hat, ist das in der Regel nicht mehr wirklich heilbar, ohne gleich den ganzen Gehörgang wegzuoperieren (Gehörgangsablation). Extrem frustrierend und eine echte Quälerei für das arme Tier!


Niemals hätte die Evolution so eine geradezu schwachsinnige Konstruktion hervorgebracht. Dazu hat es mal wieder züchterischen Größenwahn gebraucht. Die Widderkaninchen zahlen einen extrem hohen Preis für ihr in unseren Augen drolliges Erscheinungsbild. Es ist mir persönlich nicht eingängig, warum Hängeohren bisher nicht offiziell als Qualzucht-Merkmal geführt werden, denn aus tierärztlicher Sicht kommen Widderkaninchen mit einer Behinderung auf die Welt und haben für ihr ganzes Leben ein erhebliches Risiko, schwerste Gehörgangs-Erkrankungen zu erleiden. Es liegt also - wie so oft - mal wieder an Ihnen als "Verbraucher". Nur eine Änderung des Kaufverhaltens wird die Züchter davon abhalten können, immer weiter zu machen mit diesem Unsinn. Mein Rat: Finger weg von Widderkaninchen! Denn zu den besprochenen Problemen mit den Ohren kommt bei diesem Kaninchenschlag ja auch noch meist ein extrem verkürzter Schädel, der für das Auftreten schwerer Zahnprobleme geradezu prädestiniert ist.


Sollten Sie auf der Suche nach einem Kaninchen sein, machen Sie es sich doch einfach: Schauen Sie sich mal genau an, wie ein Wildkaninchen (Bild 2) ausssieht. Stehohren und eine längliche Schädelform! So hat die Natur, die Evolution, das Kaninchen "gebaut" und so ist es richtig. Je ähnlicher ein Kaninchen der Wildform sieht, desto geringer sind die Risiken für zuchtbedingte Erkrankungen.


Anorexie (Appetitlosigkeit) beim Kaninchen: Ein echter Notfall!


Der aktuelle Anlass: Ein Kaninchen zeigte am letzten Samstag (wie immer plötzlich) Appetitlosigkeit. Die Besitzer zögerten, uns am Wochenende zu stören, und versuchten, das Problem mit Zwangsfütterung zu lösen, was funktionieren kann, aber leider nicht muss. Am Sonntag dann wurde uns das Kaninchen wegen weiterhin bestehender Futterverweigerung vorgestellt. Das Tier war in sehr schlechtem Allgemeinzustand, zeigte Apathie kombiniert mit extrem hoher Pulsfrequenz (Tachykardie) und Atmungsproblemen (Dyspnoe) und hatte offensichtlich schwere Schmerzen. Der Magen war bis zum Bersten gefüllt. Trotz unserer Bemühungen, diesen Zustand noch rechtzeitig zu beheben, verstarb das Kaninchen kurz darauf an Kreislaufversagen.


Aus diesem leider schon viel zu oft erlebten Verlauf ergibt sich mein Ratschlag, den ich nicht müde werde zu wiederholen:


Komplette Futterverweigerung stellt bei Kaninchen bzw. bei Pflanzenfressern allgemein einen absoluten Notfall dar, der keine abwartende Haltung erlaubt!


Scheuen Sie sich nicht, in solchen Fällen auch am Wochenende baldmöglichst tiermedizinische Hilfe zu suchen. Der Allgemeinzustand dieser Patienten verschlechtert sich mit bestürzender Geschwindigkeit, so dass dann letztendlich die notwendigen und sehr belastenden Gegenmaßnahmen nicht mehr ohne ein extremes Sterberisiko durchgeführt werden können. Bei Fleisch- und Allesfressern kann man bei Appetitlosigkeit gut mal für ein oder zwei Tage abwarten, bei Pflanzenfressern aber auf gar keinen Fall.


Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr


Ralph Rückert


 


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Bei den Quellen 16, 89077 Ulm / Söflingen


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