Ralph Rückert
Tierarzt und Blogger
Römerstraße 71
89077 Ulm
Telefon: 0731/382766
Notrufnummer:

0171/744 92 46

Die Kastration des weiblichen Kaninchens: Meist dringend nötig!

09.08.2017

Von Ralph Rückert, Tierarzt


So sehr ich ein Gegner der pauschalen, prophylaktischen oder gar zu frühen Kastration bei Hunden bin, so sehr befürworte ich diese Operation beim weiblichen Kaninchen. Auf dem Foto sieht man genau das, was man fast immer vorfindet, wenn man ein Kaninchen mit mehr als 2 oder 3 Jahren ovarhysterektomiert (totaloperiert): Eine massiv entzündete Gebärmutter, die mit Sicherheit bereits schwerwiegende, chronische Beschwerden verursacht hat.


Ebenfalls nicht selten sind bei Häsinnen mittleren Alters die bei anderen Haustierarten kaum vorkommenden und bösartigen Adenokarzinome der Gebärmutterschleimhaut. Auch zystische oder bösartige Veränderungen der Ovarien (Eierstöcke) findet man recht häufig vor.

Bild zur Neuigkeit

Die Fortpflanzungsorgane des weiblichen Kaninchens scheinen offenbar mit dem durch die Haltungsform als Hobbytier erzwungenen "Leerlauf" gar nicht gut zurecht zu kommen. Außerdem berichten viele Kaninchenhalter von drastischen Verhaltensänderungen mit zunehmender Aggression gegenüber gemeinsam gehaltenen Partnerkaninchen, aber auch gegenüber Menschen. Speziell kastrierte Männchen haben oft massiv unter der Aggressivität der mit ihnen gehaltenen und unkastrierten Weibchen zu leiden.


Im Wikipedia-Artikel über Hauskaninchen steht der Satz: "Aggressives Verhalten bei Häsinnen ist hingegen charakterbedingt oder rührt aus negativen Erfahrungen her." Das würde ich so nicht unterschreiben wollen, denn so gut wie alle Besitzer berichten, dass dieses Verhalten durch die Kastration komplett behoben oder zumindest deutlich abgemildert wird. Ob nun in erster Linie hormonelle Ursachen oder aber chronische Schmerzzustände hinter der so häufig beobachteten Grundgereiztheit weiblicher Kaninchen über 18 Monaten stecken, vermag ich nicht sicher zu sagen, aber die Kastration scheint auf jeden Fall sehr effektiv Abhilfe zu schaffen. Ich persönlich neige zu der Ansicht, dass die "Weltmeister im Verstecken von Schmerzen" tatsächlich so gereizt und bösartig werden, weil sie chronisch leiden.


Warum hat man sich früher kaum getraut, den Besitzern diesen Eingriff anzuraten, macht das inzwischen aber sehr wohl? Das ist auf die durchschlagende Verbesserung des Narkoserisikos bei Kaninchen in den letzten 15 Jahren zurückzuführen. Ich kann mich noch gut an Zeiten erinnern, in denen man - wenn man ehrlich zu sich selbst war - mit mindestens einem narkosebedingten Todesfall auf fünfzig Eingriffe rechnen musste. Das war für eine als vermeintlichen (!) Wahleingriff zu betrachtende OP einfach zu viel. Heutzutage haben Kaninchen in den Händen von Tierärzten, die die für diese Tierart empfehlenswerten Narkoseverfahren beherrschen, ein mindestens (!) um den Faktor 10 verbessertes Risiko. Auch wenn das noch immer deutlich schlechter ist als beim Hund oder gar bei der Katze, kann man damit doch guten Gewissens arbeiten.


Noch ein Wort zur tierschutzrechtlichen Einordnung des Eingriffes an Häsinnen, denn ich höre schon die Einwände dahingehend, dass ich doch bei Hunden grundsätzlich auf eine medizinische Indikation für die Kastration bestehen würde: Diese medizinische Indikation scheint mir beim Kaninchen aufgrund der fast immer vorgefundenen pathologischen (und sicher sehr schmerzhaften!) Veränderungen an Gebärmutter und/oder Eierstöcken pauschal gegeben. In den allermeisten Fällen stellt man während der Operation fest, dass man gerade keinen prophylaktischen (vorsorglichen), sondern einen kurativen (heilenden) und damit für das Tierwohl dringend nötigen Eingriff durchführt.


Etwas unsicher bin ich mir allerdings bezüglich des richtigen Zeitpunkts. Einige Kolleginnen und Kollegen empfehlen auch bei Häsinnen eine relativ frühe Operation mit etwa 8 Monaten, weil sich der Eingriff in diesem Alter durch noch geringe Fetteinlagerungen in der Bauchhöhle technisch einfacher gestaltet und zudem in den meisten Fällen nur eine Ovarektomie (Entfernung der Eierstöcke unter Belassung der Gebärmutter) und keine Ovarhysterektomie (Totaloperation) durchgeführt werden muss. Ich habe bisher dazu geraten, die Kastration spätestens beim Auftreten aggressiven Verhaltens mit etwa 1,5 bis 2 Jahren durchführen zu lassen, bin aber aufgrund der selbst in diesem Alter bereits häufig anzutreffenden entzündlichen Veränderungen an der Gebärmutter inzwischen am Grübeln, ob früher nicht tatsächlich besser wäre, um den Tieren unnötige Schmerzen zu ersparen.


Wie auch immer: Behalten Sie bei der Anschaffung von Kaninchen als Haustiere neben anderen wichtigen Gesichtspunkten bitte im Kopf, dass aus tiermedizinischer Sicht sinnvollerweise nicht nur die männlichen, sondern auch die weiblichen Exemplare kastriert werden sollten. Und erzählen Sie das ruhig weiter, denn nach unserer Einschätzung leiden sehr, sehr viele Kaninchen - von den Besitzern oft völlig unbemerkt - unter geradezu höllischen chronischen Schmerzen durch Gebärmutterentzündungen oder gar Tumore.


Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr


Ralph Rückert


 


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Römerstraße 71, 89077 Ulm


Sie können jederzeit und ohne meine Erlaubnis auf diesen Artikel verlinken oder ihn auf Facebook bzw. GooglePlus teilen. Jegliche Vervielfältigung oder Nachveröffentlichung, ob in elektronischer Form oder im Druck, kann nur mit meinem schriftlich eingeholten und erteilten Einverständnis erfolgen. Von mir genehmigte Nachveröffentlichungen müssen den jeweiligen Artikel völlig unverändert lassen, also ohne Weglassungen, Hinzufügungen oder Hervorhebungen. Eine Umwandlung in andere Dateiformate wie PDF ist nicht gestattet. In Printmedien sind dem Artikel die vollständigen Quellenangaben inkl. meiner Praxis-Homepage beizufügen, bei Online-Nachveröffentlichung ist zusätzlich ein anklickbarer Link auf meine Praxis-Homepage oder den Original-Artikel im Blog nötig.