Ralph Rückert
Tierarzt und Blogger
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Das Versagen der AniCura und die neue Notdienstregelung für Ulm, Neu-Ulm und Umgebung

03.02.2018

Von Ralph Rückert, Tierarzt


Nachdem die vormalige AniCura-Klinik Neu-Ulm - jetzt unter "AniCura Kleintierzentrum" firmierend - mit extrem kurzer Vorwarnzeit für die Kollegenschaft UND die Tierbesitzer vor drei Wochen verkündet hat, dass sie aus personellen Gründen (meiner Meinung nach könnte man auch von fortgesetztem Missmanagement reden!) ab dem 1. Februar nicht mehr in der Lage sein wird, eine durchgehende Dienstbereitschaft für Notfälle anzubieten, haben sich am Donnerstagabend die Praxisinhaber(innen) der Region zusammengesetzt und bemüht, die dadurch entstandene Versorgungslücke im Sinne unserer Patienten zu schließen.

Bild zur Neuigkeit

In für mich eindrucksvoller Einigkeit und Solidarität wurde beschlossen, den bisher nur für die Wochenenden vorgesehenen Stadtnotdienst auch auf die Wochentage auszuweiten, so dass eine durchgehende Notfallversorgung unserer Patienten trotz der völlig überraschenden Entscheidung des AniCura-Standortes gewährleistet bleibt. In diesem Zusammenhang noch erwähnenswert erscheint mir, dass die Kleintierpraxis Uzur in Senden sich bedauerlicherweise als einzige Praxis der Region hartnäckig geweigert hat, bei der gefundenen Lösung mitzuwirken, und dementsprechend keine Notdienste leisten wird.


Die jeweils diensthabende Praxis wird wie gewohnt über die zentrale Notrufnummer


0700 - 12161616


erreichbar sein, und zwar an den Wochentagen von 19 bis 8 Uhr, an den Wochenenden durchgehend von Freitag, 19 Uhr, bis Montag, 8 Uhr.


Ein paar Worte zur Handhabung der zentralen Notrufnummer: Wählen Sie diese, so werden Sie automatisch an die Praxis weitergeleitet, die Dienst hat. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder kommen Sie direkt auf einem Mobiltelefon raus oder aber auf einem Anschluss, wo Ihnen per Anrufbeantworter eine Mobiltelefonnummer genannt wird. Letzteres ist zugegebenermaßen für Sie als Anrufer etwas umständlich, aber diese Möglichkeit wird von vielen Praxen genutzt, weil durch die Mitteilung des Anrufbeantworters dem Patientenbesitzer deutlich gemacht wird, mit welcher Praxis er es zu tun hat. Wir alle haben nämlich schon oft erlebt, dass wir mitten in der Nacht rausgeklingelt werden, gern wegen einer Lappalie, und der Anrufer, sobald er erfährt, dass er ein Stückchen fahren müsste, beschließt, dass es dann doch nicht so dringend wäre.


Wenn es ganz dumm läuft, dann gibt Ihnen ein Anrufbeantworter eine Mobiltelefonnummer, unter der sich dann auch noch eine Mobilbox meldet. Dann werden Sie eine Nachricht hinterlassen müssen, speziell dann, wenn Sie mit verdeckter Nummer anrufen. Es ist nämlich so: Wir alle machen diesen Notdienst NEBEN unserer normalen Praxistätigkeit. Wir sitzen also NICHT - wie so mancher sich das vielleicht vorstellen mag - die ganze Nacht oder das ganze Wochenende gespannt neben unserem Handy und harren der Dinge, die da kommen mögen. Nein, wir sind zu Hause, wir essen, wir reden, wir spielen mit unseren Kindern oder Enkeln, wir gehen auf die Toilette oder unter die Dusche, manch wagemutige Seele unter uns mag sogar mal spontanen Sex mit dem Partner haben. Wenn Sie also anrufen und die Mobilbox rangeht, Sie aber keine Nachricht hinterlassen, haben Sie leider Pech gehabt, denn dann kann man sie nicht baldmöglichst zurückrufen.


Wie gesagt: Wir machen das im Interesse unserer Patienten zusätzlich zu unseren meist üblichen 60-Stunden-Wochen. Deshalb die ganz dringende Bitte: Nützen Sie die zentrale Notrufnummer nur in einem echten Notfall! Es ist uns natürlich klar, dass es einen Unterschied zwischen einem subjektiven und einem objektiven Notfall gibt, was heißen soll, dass der Profi oftmals eine Situation gelassener sieht als der Tierbesitzer. Kein Problem! Aber: Weder ein festsitzender Zeckenkopf, noch ein gerade entdeckter Floh oder Würmer im Kot einer seit zwei Jahren nicht entwurmten Katze rechtfertigen einen Anruf zu nächtlicher Stunde oder am Sonntag. Für so eine Zumutung verteilen die meisten von uns einen spontanen telefonischen Einlauf, was einem aber letztendlich auch nicht hilft, wenn man dringend wieder einschlafen sollte, weil in zwei Stunden der Wecker klingelt. Was einen Notfall darstellt, habe ich ja vor fünf Jahren in einem anderen Artikel schon mal darzustellen versucht.


Als Notfallpatient sind Sie für die diensthabende Praxis meist ein Fremdkunde. So gut wie alle Praxen arbeiten deshalb im Notdienst nicht auf offene Rechnung. Sie sollten also genügend Bargeld oder Ihre EC-Karte mit PIN dabei haben, um die entstehenden - im Notdienst übrigens erhöhten! - Gebühren gleich nach Abschluss der Behandlung begleichen zu können.


So weit, so gut! In der Überschrift steht "Das Versagen der AniCura", was sicher einer weiteren Erläuterung bedarf. Der gesamte Vorgang bestätigt meine schlimmsten Vorbehalte gegen die Ausbreitung von Praxis- und Klinikketten, in denen die letztendliche Entscheidungsinstanz nicht bei ihrem Berufsethos verpflichteten Tiermedizinern, sondern bei ausschließlich unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten agierenden Investoren und Controlern liegt. Nach eigener Aussage sucht der AniCura-Standort Neu-Ulm seit längerer Zeit nach "kompetenten und geeigneten Kollegen, die gewillt sind, in einer Klinik mit 24-stündiger Erreichbarkeit und damit auch Nachtdiensten zu arbeiten". Gleichzeitig bietet man aber lächerliche Gehälter, die - pro Stunde gerechnet - locker von jeder Reinigungskraft überboten werden.


Der Neu-Ulmer Standort hat seine "Mutter", also die AniCura, um Hilfe gebeten, um die Rückgabe der Klinikzulassung zu vermeiden, diese Hilfe aber nicht bekommen. Für einen Tierarzt ist es sehr schwer verständlich, dass eine multinationale Kette mit über 25 (Groß-)Kliniken allein in Deutschland so ein an sich banales Problem nicht im Interesse der Patienten irgendwie gelöst bekommt. Es ist nicht nur schwer verständlich, es macht auch wütend. Man hat sich jahrzehntelang an den Überweisungen von uns umliegenden Haustierarztpraxen fett gefressen, hat einen wohl sehr gewinnträchtigen Verkauf an die AniCura durchgezogen, und jetzt - wo man meiner Meinung nach den Karren durch mangelnde Weitsicht und durch maximal geizige Ausbeutung der Angestellten an die Wand gefahren hat - dürfen wir Allgemeinpraktiker die Suppe auslöffeln, die uns - und nicht zu vergessen: auch Ihnen, den Kunden! - der Nachwuchs-Multi eingebrockt hat.


Ich bleibe bei meiner persönlichen Einschätzung: Der AniCura geht es tatsächlich nicht um Ihr Tier. Es geht Ihr letztendlich auch nicht um die eigenen Angestellten. Es geht ihr trotz aller frommen Sprüche letztendlich nur und ausschließlich um den Return on Investment. Wie wir am hiesigen Beispiel sehen können, geht es der Kette glatt am Arsch vorbei, dass hier in unserer Region eine Versorgungskrise entstanden ist, wie sie in einer Großstadt eigentlich bisher undenkbar war.


Ich habe schon vor längerer Zeit geschrieben, dass nach meiner Auffassung Klinikketten in Deutschland nichts zu suchen haben. Für die seit Jahrzehnten bewährte Struktur der tiermedizinischen Versorgung wäre es am besten, wenn die AniCura sich über kurz oder lang mit blutiger Nase und eingezogenem Schwanz wieder aus Deutschland verziehen würde. Mit gutem Grund war es hierzulande bisher immer so geregelt, dass sowohl die medizinische als auch die betriebswirtschaftliche Entscheidungsgewalt einer Praxis oder Klinik grundsätzlich in den Händen von Tierärzten zu liegen hat.


Deshalb bleibt auch mein Ratschlag bestehen: Suchen Sie AniCura-Einrichtungen nur dann auf, wenn nichts anderes übrig bleibt, wenn Sie von Ihrer Haustierarztpraxis dort hin überwiesen werden, weil eine spezielle Untersuchung oder Therapie notwendig geworden ist. Stärken Sie ansonsten Ihre Haustierarztpraxen durch Ihre Kundentreue! Der aktuelle Vorgang zeigt ja eindrücklich, wer am Ende die Brocken aufhebt, wer für Sie als Tierbesitzer da ist, wenn es für die internationale Kette grad mal zu viel ist, schnell irgendwo zwei Assistenztierärzte zu finden, damit einer ihrer ältesten deutschen Klinikstandorte weiterhin die regionale Versorgung sicherstellen kann.


Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr


Ralph Rückert


 


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Römerstraße 71, 89077 Ulm


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