Ralph Rückert
Tierarzt und Blogger
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Vorhofflimmern / Vorhofflattern: Meine Pumpe tickt nicht richtig!

21.05.2018

Von Ralph Rückert, Tierarzt


In den letzten drei Wochen war ich an mehreren Tagen nicht in der Praxis anzutreffen. Wir mussten zu unserem größten Bedauern sogar OP- und Behandlungstermine verlegen.


Das liegt daran, dass ich an Vorhofflimmern bzw. -flattern erkrankt bin. Da es sich dabei um die häufigste Herzrhythmusstörung des Menschen handelt, ich in Deutschland wahrscheinlich irgendwas zwischen einer und zwei Millionen Leidensgenossen habe und es buchstäblich jeden treffen kann, will ich mal ausnahmsweise mit einem aus Patientensicht geschriebenen Blog-Artikel in der Humanmedizin wildern gehen. Wer ausschließlich an tiermedizinischen Themen interessiert ist, kann also an dieser Stelle gleich wieder aussteigen.

Dass mein Herz immer mal wieder für ein paar Sekunden aus dem Takt geriet, kannte ich schon seit langer Zeit. Das war manchmal recht unangenehm, sogar ein wenig furchteinflößend, aber schnell wieder vorbei und vergessen. Da einem die Kardiologen erzählen, dass sowas normal und nicht weiter bedenklich wäre, habe ich mir darum auch nie einen Kopf gemacht.


Vor ca. drei Monaten aber hielt dieses sonst nur sekundenlange Herzstolpern plötzlich vom Aufwachen in der Früh für mehrere Stunden an, was ich als sehr unangenehm empfand. Der Puls war mit über 130 Schlägen pro Minute deutlich erhöht und extrem unregelmäßig, die Leistungsfähigkeit eingeschränkt, und das Herz zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen im Brustkorb rum. Natürlich war ich beunruhigt, aber was willste machen? Der Terminkalender war voll, einige Patienten waren mit schon lange vereinbarten Terminen von weit her angereist. Also habe ich es durchgezogen, und nach ein paar Stunden war der Anfall vorbei und - von dem Vorsatz, mal ein paar Kilo runter zu hungern, abgesehen - schnell wieder vergessen.


Vor drei Wochen aber, an einem Freitagmorgen, war die Rhythmusstörung direkt nach dem Aufwachen wieder da, und dieses Mal wollte sie nicht mehr von selbst aufhören. Zum ersten Mal hielt sie über Nacht an, und das war nach meinem Empfinden wirklich übel. Wenn man schlafen möchte, aber das Geräusch des hektisch und völlig unregelmäßig schlagenden Herzens buchstäblich in den Ohren hören kann, kommt man schon auf den Gedanken, dass es einem jetzt echt an den Kragen gehen könnte.


Bei einem mehrstündigen, nächtlichen Aufenthalt in der Notaufnahme des Bundeswehrkrankenhauses bekam ich dann die Diagnose "Vorhofflimmern bzw. Vorhofflattern" gestellt und wurde mit einem Beta-Blocker (zur Senkung der Herzfrequenz) und mit einem Antikoagulanz (gerinnungshemmendes Medikament) anbehandelt. Vorhofflimmern ist nämlich nicht per se lebensbedrohlich (das ist die gute Nachricht!), kann aber durch die irregulären Strömungsverhältnisse in den Herzvorhöfen sehr schnell zur Bildung eines Thrombus (Blutgerinnsels) im linken Vorhof und in Folge zu einem (häufig sehr schweren) Schlaganfall führen, und das ist die schlechte Nachricht!


Dass die Symptome von mir als so hochgradig unangenehm wahrgenommen werden, ist in diesem Zusammenhang sogar von Vorteil. Wie man nachlesen kann, bemerken mehr als die Hälfte der von Vorhofflimmern betroffenen Patienten das Problem gar nicht und laufen mit einem fünffach erhöhten Risiko für einen schweren Schlaganfall durchs Leben, ohne das Geringste davon zu ahnen.


Die Ärzte im BWK wollten mich natürlich (ich denke: korrekterweise) sogleich stationär aufnehmen, aber das ging mir dann doch zu schnell, weshalb ich mich selbst wieder entlassen habe. Ich wollte zuerst mehr über diese Erkrankung, die ich zuvor echt nicht auf dem Schirm hatte, erfahren und mich auch ausführlich mit meiner Freundin und Hausärztin über meine Optionen unterhalten.


Um jetzt nicht allzu ausschweifend zu werden (kann man ja vielerorts nachlesen): Bei einem noch relativ jungen (haha!, aber so drücken sich die Kardiologen nun mal in meinem Fall aus) Patienten, der noch mitten im Arbeitsleben steht und der die Rhythmusstörung als sehr unangenehm empfindet, wird auf jeden Fall versucht, den Sinusrhythmus (Normalrhythmus) des Herzens wieder herzustellen.


Nach diversen EKGs - auch unter Belastung - und einigen Blutentnahmen wurden also zunächst in Dämmerschlafsedierung ein sogenanntes Schluckecho und direkt anschließend eine elektrische Kardioversion durchgeführt. Bei dem Schluckecho (Transösophageale Echokardiographie, TEE) wird einem ein entsprechend geformter Ultraschallkopf in die Speiseröhre eingeführt, um aus kürzester Entfernung möglichst sicher einen Thrombus im linken Vorhof auszuschließen. Ist kein Thrombus nachweisbar, verpasst man der stotternden Pumpe einen Stromstoß, um sozusagen einen Reset auszuführen. In den meisten Fällen kann dadurch die Arrhythmie beendet und der Sinusrhythmus wieder hergestellt werden. Das hat bei mir auch funktioniert, und man würde nicht glauben, was es nach einer Woche absoluter Arrhythmie für eine Erleichterung war, wieder ein normal schlagendes Herz zu haben.


Leider war die Freude nur von kurzer Dauer, denn fünf Tage später ging der Sinusrhythmus wieder verloren. Wenn man damit auch rechnen musste, so war das doch ein für mich sehr bedrückender Verlauf, denn nun blieb als einzige Option für eine Lösung des Problems ohne lebenslange Medikamenteneinnahme die sogenannte Katheter-Ablation. Bei diesem Eingriff werden von den beiden Leisten her Katheter in die Herzvorhöfe eingeführt und dann für die Arrhythmie ursächliche Nervenbahnen durch Energieabgabe (elektrisch, Laser, Kälte) zerstört.


Mein persönliches Problem: Die verschiedenen EKGs hatten - wie weiter oben schon angedeutet - leider ergeben, dass ich sowohl unter Vorhofflimmern als auch unter Vorhofflattern leide, was sich zwar ähnlich anhört, aber trotzdem zwei Paar Stiefel sind. Bei Vorhofflattern ist eine Ablation im rechten, bei Flimmern dagegen im linken Vorhof nötig. Die rechtsatriale (Flatter-)Ablation ist relativ einfach in der Durchführung und hat eine sehr hohe Erfolgsrate von um die 90 Prozent. Die linksatriale (Flimmer-)Ablation ist problematischer, weil man dabei die Scheidewand vom rechten zum linken Vorhof durchstoßen muss, und hat eine deutlich niedrigere Erfolgsquote (je nach Literaturquelle zwischen 50 und 70 Prozent).


Da Vorhofflattern manchmal als Trigger für Vorhofflimmern fungiert, wurde beschlossen, erst mal die rechtsatriale Ablation durchzuführen, um dann zu sehen, wie sich meine Beschwerden dadurch bessern bzw. verändern. Und genau wegen dieses Eingriffs war die Praxis letzte Woche ab Mittwoch geschlossen.


Was kann man aus Patientensicht über die Ablation sagen? Es ist natürlich kein echter Spaß, aber auch nicht so schlimm, wie man es sich vorher ausmalt. Allzuviel bekommt man nicht mit, weil man die ganzen zwei Stunden (ja, zieht sich ziemlich!) unter stark sedierenden und schmerzunterdrückenden Medikamenten gehalten wird. Für Patienten wie mich, die wegen Kreuzbeschwerden sowieso ungern flach auf dem Rücken liegen, ist das das Schlimmste: Man muss (inklusive des Eingriffs) gute 8 Stunden flach daliegen, mit richtig harten Druckverbänden in den Leisten, weil man ja unter gerinnungshemmender Medikation steht und ein dementsprechend erhöhtes Risiko für heftige Nachblutungen aus den punktierten Leistenvenen hat.


Inzwischen ist die Ablation vier Tage her, und die Situation hat sich insofern verbessert, dass zwar nach wie vor mehrmals täglich für gewisse Zeiten Vorhofflimmern auftritt, sich der Sinusrhythmus aber immer wieder durchsetzen kann. Jetzt gilt es abzuwarten. Wenn ich Pech habe, dann muss in ein paar Wochen auch noch die linksatriale Flimmerablation durchgeführt werden. Auf jeden Fall kann ich ab morgen wieder arbeiten, und das freut mich sehr!


Um ganz am Ende doch noch die Kurve zurück zur Tiermedizin zu bekommen: Ja, Vorhofflimmern tritt auch bei Hunden und Katzen auf, meist im Rahmen bzw. als Begleiterkrankung einer dilatativen Kardiomyopathie. Bei Tieren wird das Vorhofflimmern rein medikamentös angegangen, zum einen im Rahmen der Behandlung der Grunderkrankung, zum anderen - wie bei mir - hauptsächlich mit Beta-Blockern. Der Hund benötigt keine Embolieprophylaxe, die Katze dagegen schon.


Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr


Ralph Rückert


 


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Römerstraße 71, 89077 Ulm


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