Ralph Rückert
Tierarzt und Blogger
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Überwinterung von Landschildkröten

01.02.2019

Von Christian Weser und Ralph Rückert, Tierärzte


Winter is coming! Eine Warnung, mit der Game-of-Thrones-Fans und Reptilienhalter gleichermaßen etwas anfangen können.


Wenn auch mittlerweile alle betroffenen Reptilien in unserer Obhut schon in ihrem jeweiligen Winterlager schlafen müssten, möchte ich im Folgenden noch auf ein paar wichtige Dinge rund um die richtige Überwinterung eingehen. Besonderes Augenmerk werde ich dabei heute auf die kalte Überwinterung der gängigen Landschildkrötenarten legen.


Erstaunlicherweise erreichen uns zum einen trotz schon längst andauernder Winterkälte immer noch Anfragen zur richtigen Überwinterungsmethode, zum anderen werden tatsächlich auch noch vereinzelte Kotproben von mediterranen Landschildkröten zur Untersuchung auf Parasiten abgegeben.

Zuerst ein paar Randinformationen zum besseren Verständnis: Reptilien gehören zu den wechselwarmen Tieren und müssen deshalb eine Hibernation (Winterstarre / Winterruhe) durchführen, sobald die Temperaturen in ihrem jeweiligen Verbreitungsgebiet unter bestimmte Grenzwerte fallen. Doch warum sollten auch die hierzulande als Heimtiere gehaltenen Tiere eine Überwinterung vollziehen dürfen bzw. müssen? Schließlich ist jede Überwinterung immer mit einem gewissen Restrisiko verbunden, dass ein Tier trotz aller Vorsichtsmaßnahmen im Frühjahr eventuell doch nicht wieder erwacht. Was ist also der Sinn einer solchen Überwinterung?


Nun, es gibt gleich mehrere wichtige Faktoren, die sich dabei sowohl auf das Wohlbefinden als auch auf die Lebenserwartung unserer Schützlinge positiv auswirken. Abgesehen davon, dass es sich bei der Hibernation um ein natürliches Verhalten der betroffenen Tiere handelt und es somit zu einer wirklich artgerechten Haltung dazu gehört, sind diese Tiere auch von ihrem ganzen Stoffwechsel auf eben diese mehrmonatigen Ruhephasen ausgelegt. Hierbei wird der gesamte Organismus entlastet, Fettreserven werden verbraucht, das Immunsystem wird stimuliert und die Fortpflanzung synchronisiert. Gerade für den Hormonhaushalt ist diese Phase der Inaktivität von größter Bedeutung. Tiere, denen diese Ruhephase verweigert wird, entwickeln vermehrt Probleme wie übermäßig schnelles Wachstum mit Fettleibigkeit, welche schließlich in Lebererkrankungen, Gicht und Gelenkprobleme münden können. Außerdem kann der mit dem Ausfall der Hibernation verbundene höhere Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen oftmals nicht adäquat gedeckt werden, so dass Mangelerscheinungen mit Fehlbildungen vom Panzer und Skelettsystem wesentlich häufiger auftreten.


Fazit: Im Hinblick auf die Lebenserwartung und eine artgerechte Haltung sollte die jährliche Überwinterung bei den betroffenen Arten durchaus angestrebt werden.


Wie führt man diese nun aber richtig durch und welche Fehler sind unbedingt zu vermeiden? Zuerst einmal unterscheidet man bei Reptilien zwischen einer kalten und einer warmen Überwinterung. Die kalte Überwinterung findet bei unter 10°C statt und wird daher vor allem von Tieren in den gemäßigten Breiten Nordamerikas, Europas und Asiens vollzogen. Hierunter fallen unsere einheimischen Arten, aber auch die amerikanischen Schmuckschildkröten und die gängigen mediterranen Landschildkröten. Die Warme Überwinterung findet zwischen 10 und 20°C statt. Man sieht sie hauptsächlich bei subtropischen Arten in Australien, Nord-/Südamerika, Afrika und Südwestasien sowie bei einigen tropischen Arten montaner, also höher gelegener Gebiete. Beispiele für diese Art der Überwinterung finden sich z.B. bei den Bartagamen, Kornnattern und Leopardgeckos. Tropische Arten wie der Grüne Leguan , die Grüne Wasseragame sowie viele Chamäleons und Riesenschlangenarten halten gar keine wirkliche Winterruhe. Hier fallen höchstens leichte Aktivitätsunterschiede zwischen der Trocken- und der Regenzeit auf.


Richten wir nun aber den Blick auf die hierzulande häufig gehaltenen mediterranen Landschildkröten und damit die kalte Überwinterung. Bevor ein Tier in sein Überwinterungsquartier einziehen darf, sollten die folgenden Voraussetzungen erfüllt sein:


-Bei trächtigen oder kranken Tieren muss auf eine Überwinterung verzichtet werden. Jungtiere hingegen können und sollten durchaus eine Hibernation "durchmachen". Hierbei kann man die Dauer aber gerne etwas reduzieren, jedoch niemals unter 4 Wochen!


-Der "Wintercheck" beim reptilienkundigen Tierarzt ist von äußerster Wichtigkeit. Dabei wird neben der allgemeinen Untersuchung zumindest bei den weiblichen Tieren eine Übersichtsröntgenaufnahme angefertigt, um mögliche Eier darzustellen. Ebenfalls sinnvoll kann bei entsprechender Größe des Tieres, sprich einem Gewicht von über 100 Gramm, ein Blutcheck sein, um wichtige Leber- und Nierenwerte überprüfen zu können. Gerade die Organe, die für den Stoffwechsel und die Entgiftung zuständig sind, sollten vor der Überwinterung einwandfrei funktionieren.


-Schildkröten müssen vor der Überwinterung frei von Darmparasiten sein! Deshalb gehört auch eine parasitologische Kotuntersuchung verpflichtend zum tiermedizinischen Wintercheck. Hierbei wird vor allem auf Rundwürmer (Oxyuren) und einzellige Flagellaten wie Hexamiten oder Leptomonaden geachtet. Aber Achtung: Um diese Parasiten vor der Überwinterung noch rechtzeitig diagnostizieren und anschließend auch behandeln zu können, macht es Sinn, die Kotprobe bereits Ende August / Anfang September beim Tierarzt abzugeben. Von der Diagnose bis zur Erfolgskontrolle einer eventuell notwendigen Behandlung vergehen nämlich gut und gerne 6 Wochen, und die meisten Landschildkröten beginnen Anfang November so langsam mit der Winterruhe.


Sofern sich im Wintercheck keine Probleme herausstellen und die parasitologische Untersuchung negativ ausfällt, kann man getrost mit der Einleitung der Winterruhe beginnen. Tiere im Freigehege zeigen meist mit Einstellen der Futteraufnahme und herabgesetzter Aktivität, wann es Zeit für die Überwinterung ist. In der Terrarienhaltung (für Landschildkröten eigentlich nicht zu empfehlen!) muss der Halter aber selbst eingreifen, indem er ca. 3 Wochen vor der geplanten Überwinterung die Fütterung einstellt und Wärme und Beleuchtungsdauer kontinuierlich reduziert, bis die Wärmezufuhr eine Woche vorher ganz eingestellt wird und nur noch die Grundbeleuchtung eingeschaltet bleibt. Die Tiere sollten dann noch einmal handwarm gebadet werden, damit sich übermäßiger Darminhalt entleeren und genug Wasser aufgenommen werden kann.


Für die eigentliche Überwinterung gibt es verschiedene Methoden. Wenn man sich für eine Freilandüberwinterung entscheidet, ist ein Frühbeetkasten, den man zur Not auch beheizen kann, dringend anzuraten. Ansonsten können Temperaturen deutlich unter 0° Celsius zu Verlusten durch Erfrierungen führen. Außerdem ist auf einen sicheren Schutz vor Schadnagern o.ä. zu sorgen, um Fraßbeschädigungen zu verhindern.


Eine weitere Möglichkeit ist die Überwinterung in einem sehr kühlen Keller. Hierzu werden die Tiere in eine ausreichend große Kiste mit einem Laub-Erde-Gemisch gesetzt. Allerdings sind die äußeren Bedingungen in einem Keller selten konstant zu halten, und häufige klimatische Veränderungen mit Luftbewegungen oder gar Temperaturschwankungen können sich als Problem bei der Überwinterung herausstellen.


Sicher könnte man hier noch im Detail auf diese Methoden mit ihren Vor- und Nachteilen eingehen, was allerdings den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Daher möchte ich mich im folgenden auf die dritte und häufigste Methode der Überwinterung konzentrieren: Die im heimischen Kühlschrank. Der größte Vorteil einer Überwinterung im Kühlschrank sind die konstanten Bedingungen, die hier problemlos garantiert werden können. Voraussetzung ist hierbei natürlich, dass man das Gerät zuvor im Leerlauf getestet und die zuverlässige Einhaltung von Temperatur und Luftfeuchtigkeit kontrolliert hat.


Bevor das Tier jedoch in den Kühlschrank kommt, sollte man es nach Abschalten aller Wärme- und Lichtquellen noch in verschieden kühlen Räumlichkeiten "zwischenlagern". Beispielsweise wäre die Verlagerung von draußen nach drinnen, erst ins Übergangsterrarium und dann weiter über den Flur in den Keller, ein optimaler Weg bis zum Kühlschrank. Die Schildkröte kommt hierfür am besten in eine wasserdichte Box mit einem Laub-Erde-Gemisch. Buchenlaub ist besonders zu empfehlen, da es sehr schimmelresistent ist und über hohe Konzentrationen an Gerbstoffen (sog. Tanninen) verfügt, denen eine gewisse antibakterielle sowie antivirale Wirkung nachgesagt wird. Als Bodengrund eignet sich ungedüngte Gartenerde oder auch Kokoserde, welche Feuchtigkeit sehr gut hält, ohne dabei zu schimmeln. Das Substrat sollte leicht feucht, aber nicht nass sein! Bei Wasserschildkröten übrigens käme in diese Box Wasser, gerade so tief, dass das Tier den Kopf nach Belieben untertauchen oder aus dem Wasser heben kann, ohne dabei schwimmen zu müssen.


Die optimale Überwinterungstemperatur für mediterrane Landschildkröten liegt bei 4-6°C. Dabei ist vor allem die konstante Einhaltung von größter Wichtigkeit (Thermometer direkt an der Box!). Eine separate Wasserschale unten im Kühlschrank sorgt für eine gleichbleibende Luftfeuchtigkeit von ca. 80 Prozent. Nun kann das Tier hier unter nahezu perfekten Bedingungen für 3-5 Monate überwintern. Jungtiere können bei Bedarf auch schon früher wieder geweckt werden. Eine Überwinterungsdauer von unter 4 Wochen ist allerdings zu unterlassen, da sonst die körperliche Belastung des Runterkühlens und wieder Aufwärmens sowie die damit verbundenen Risiken nicht mehr in einem guten Verhältnis zu den Vorteilen einer Überwinterung stehen.


Der Kühlschrank sollte mindestens einmal wöchentlich gelüftet und die Tiere dabei kontrolliert werden. Wichtig sind hierbei das Körpergewicht, die Optik des Bauchpanzers (Plastron) und der Hydratationszustand, der sich bei bedrohlichen Werten durch eingefallene Augen und faltigere Haut äußert. Eine gesunde Schildkröte verliert während des gesamten Zeitraums der Überwinterung nicht mehr als 10 Prozent ihres Körpergewichts. Tritt also ein größerer Gewichtsverlust auf, läuft irgendetwas schief! Das Tier war beispielsweise nicht topfit vor der Überwinterung oder die äußeren Bedingungen passen nicht. Möglicherweise ist es nicht kalt genug und der Organismus nicht genügend heruntergefahren, was einen höheren Stoffwechsel und damit Energieverlust zur Folge hat. In diesem Fall sollte die Überwinterung abgebrochen und das Tier langsam aufgeweckt werden. Rötliche Verfärbungen des Brustpanzers können auf eine Sepsis durch Infektionen hinweisen, die vor allem bei zu warmen Bedingungen auftreten. Sollte man derartige Symptome bemerken, muss die Überwinterung ebenfalls abgebrochen, das Tier langsam wieder aufgewärmt und einem Tierarzt vorgestellt werden. Erfrierungen durch zu niedrige Temperaturen zeigen sich möglicherweise ebenfalls durch diese Rötungen, die in besonders schweren Fällen auch zu schwarzen Verfärbungen wechseln können. Außerdem treten teilweise Ödeme in Form von Schwellungen der Haut und des Panzers auf.


Nach den zuvor erwähnten 3-5 Monaten Überwinterungszeit (also im März oder April) müssen die Tiere wieder aufgeweckt werden. Der Ablauf entspricht dabei genau dem "Einwintern" vor dem Einsetzen des Tieres in den Kühlschrank, nur in umgekehrter Reihenfolge, d.h. langsam über mehrere Stationen mit zunehmender Beleuchtung und Wärme wieder ins Übergangsterrarium umziehen lassen. Die Wasserzufuhr ist während der "Auswinterung" von größter Wichtigkeit, damit das Tier die während der Überwinterungszeit angesammelten Giftstoffe wieder ausschwemmen kann. Dazu werden die Tiere wiederum gebadet. Schildkröten nehmen dabei Wasser sowohl über den Mund als auch über die Kloake auf. Vorsicht allerdings mit den Temperaturen! Auch hier muss man sich langsam wieder an handwarmes Wasser heran arbeiten, um allzu große Temperaturunterschiede zu vermeiden. Der Wasserstand soll dabei niedrig genug sein, dass die Tiere nicht ertrinken können, aber hoch genug, dass sie ihren Kopf im Wasser versenken können. Eine gute Faustregel ist, den Wasserstand so hoch zu wählen, dass der Brustpanzer gerade so vom Wasser bedeckt ist.


Die Wiederaufwärmphase kann sich also auch noch mal über 2 bis 4 Wochen ziehen. Hat man aber alles richtig gemacht, fangen die Tiere spätestens nach 2 Wochen wieder an zu fressen. Andernfalls ist der Besuch bei einem reptilienkundigen Tierarzt angezeigt! Nach erfolgter Überwinterung macht es ganz allgemein Sinn, das Tier zum sogenannten "Frühjahrscheck" untersuchen zu lassen, um zu überprüfen, ob die Überwinterung gut überstanden worden ist und keine Folgeschäden entstanden sind. Hierfür sollte das Tier, sofern es nicht schon in der Zwischenzeit auffällig geworden ist, wieder gut aufgewärmt und aktiv sein. Ansonsten können beispielsweise die Nierenwerte in der Blutuntersuchung noch ungewöhnlich hoch ausfallen und zu einer Fehleinschätzung der Organfunktion führen.


Einige Landschildkrötenarten (Vierzehenschildkröte (Testudo horsfieldii), Ägyptische Landschildkröte (Testudo kleinmanni), Tunesische Landschildkröte (Testudo graeca nabeulensis)) halten neben einer ca. 5 monatigen Winterruhe auch eine Sommerruhe (Ästivation), vor allem in besonders heißen und trockenen Sommern. Dies sorgt natürlich für eine zusätzliche Herausforderung bei der Haltung dieser Tiere und eine verkürzte Gesamtaktivitätsdauer. Anders ausgedrückt: Kaufen Sie sich Schildkröten der genannten Arten, sehen Sie sie unter Umständen recht selten im Garten rumlaufen.


Falls der Artikel trotz seiner Länge Fragen offen gelassen hat oder Sie sich gegebenenfalls noch eingehender über alternative Überwinterungsmethoden, die ich hier nur kurz erwähnen konnte, informieren wollen, so scheuen Sie sich nicht, einen Termin für eine Überwinterungsberatung zu vereinbaren.


Ich hoffe, dass ich Ihnen die Wichtigkeit der Überwinterung, aber auch die dafür zu schaffenden Voraussetzungen darlegen konnte, um die Risiken so gering wie möglich zu halten. Die Überwinterung ist logischerweise auch immer ein natürlicher Selektionsprozess, bei dem es zu Verlusten kommen kann! Es ist unsere Aufgabe als Halter und behandelnde Tierärzte, den Tieren trotzdem diesen für eine artgerechte Haltung und einen physiologischen Stoffwechsel so wichtigen Vorgang zu ermöglichen und so risikoarm wie möglich zu gestalten, damit der Überwinterungs-Kühlschrank nicht mangels Sachkenntnis zu einem kalten Grab wird.


Sollte Ihnen der Artikel Mut gemacht haben, im nächsten Winter eine Überwinterung für Ihre Schildkröten durchzuführen, oder sollten Sie noch den einen oder anderen Tipp zur Optimierung Ihrer Überwinterungsmethode gefunden oder aber beruhigt erkannt haben, dass Sie schon alles richtig machen, dann wäre ich höchst zufrieden.


Bleiben Sie uns wie immer gewogen, bis bald, Ihr


Christian Weser, aus dem Praxisteam der Kleintierpraxis Ralph Rückert


 


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Römerstraße 71, 89077 Ulm


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