Ralph Rückert
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Sie/er wird halt alt! - Altersbedingte Vernachlässigung bei Hund und Katze (Teil 1)

03.03.2019

Von Ralph Rückert, Tierarzt


Ja, sicher, wir werden alle nicht jünger, und je älter wir werden, desto mehr lassen gewisse Fähigkeiten nach. Wo man mit 20 Jahren noch über einen Zaun gesprungen ist, einfach weil er da war, würde man das mit über 50 Jahren nur noch auf der Flucht vor einer Horde Zombies in Betracht ziehen, und das auch nur, nachdem man vorher seine Zaunspring-App hat ausrechnen lassen, ob und wie das klappen könnte.


Unseren Haustieren geht es nicht anders, nur aufgrund der kürzeren Lebensspanne natürlich noch viel schneller. Trotzdem ist der obige Satz bei unseren vierbeinigen Familienmitgliedern oft genug für viel Leid verantwortlich, Leid, das in vielen Fällen gut verbessert oder gar vermieden werden könnte.

Ich als Mensch kann reden! Und ich war natürlich beim Arzt, wegen meiner Kreuzschmerzen, wegen meiner Hüfte, wegen meiner Schulter. Mein Arzt hat sich meine Beschreibung der Beschwerden angehört, diagnostische Maßnahmen eingeleitet und mir dann erzählt, was da faul ist und was wir dagegen machen können. Alles klar!


Unsere Hunde, unsere Katzen können aber nicht reden. Und sie neigen alle miteinander dazu, speziell chronische Beschwerden einfach zu akzeptieren, sie wegzudrücken, irgendwie weiter zu machen. Was bleibt ihnen auch anderes übrig!


Vor über zehn Jahren wurde unsere damals neunjährige Ridgeback-Hündin Nandi schleichend irgendwie weniger temperamentvoll, weniger aktiv, weniger freudig. Auf Spaziergängen war sie nicht mehr wie früher grundsätzlich vor uns und im elastischen Trab unterwegs, sondern trottelte im Schritt mit gesenktem Kopf lustlos hinter uns drein. Das waren Symptome, die man gut mit dem Älterwerden in Einklang bringen konnte, zumal Nandi sich schon sehr früh eine Silberschnauze zugelegt hatte. Nandi wurde aber - einen Vorteil darf die Existenz als Tierarzt-Hund ja haben - alle sechs Monate einer Blutuntersuchung unterzogen, und dabei stellte sich der wirkliche Grund für ihre lähmende Lustlosigkeit raus: Eine deutliche Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose)! Wenige Tage nach Beginn der Behandlung mit L-Thyroxin erschien unsere Hündin um drei oder vier Jahre verjüngt und war wieder voll am Ball.


Ranger, der elfjährige Goldie eines Zahnarztes, war wegen einer Ohrentzündung bei uns in der Praxis, als sein Besitzer beiläufig erwähnte, dass der Hund seit einigen Wochen nicht mehr in den Kofferraum des Kombis springen würde. Dabei fiel auch der Satz aus der Überschrift. Ich regte Röntgenaufnahmen von Lendenwirbelsäule, Hüfte und Kniegelenken an, um der Sache auf den Grund zu gehen, hatte aber meine liebe Mühe, den Besitzer dazu zu überreden, der mir prognostizierte, dass ich halt degenerative Veränderungen wie Spondylosen und Arthrosen finden würde, gegen die man dann allemal nicht viel machen könnte. Da ich ein überzeugender Typ bin, durfte ich dann doch meine Röntgenaufnahmen anfertigen, zugegebenermaßen in dem Gefühl, dass der Zahnkollege am Ende mit seinen Vermutungen recht haben würde. Und? Nix da, voll daneben! Auf der seitlichen Aufnahme der Lendenwirbelsäule war auch die Blase zu sehen, und darin fand sich ein mächtiger, fast handtellergroßer Blasenstein! Wenige Tage später entfernten wir den Stein operativ, und zwei Wochen darauf, kurz nach dem Fädenziehen, sprang Ranger - der übrigens kaum degenerative Wirbelsäulen- und Gelenkveränderungen aufwies -wieder in den Kofferaum. Wie sehr der Hund bis zu dieser Operation still gelitten hatte, mag ich mir gar nicht vorstellen!


Carlos, der 14jährige Kater eines Ehepaares, war schon länger zunehmend appetitlos, hatte deshalb schleichend Gewicht verloren und konnte nicht mehr gut nach oben springen. Eine Einschränkung der Sprungfähigkeit ist bei Katzen in diesem Alter tatsächlich ein häufiges Phänomen. In diesem Fall war aber bei der Vorstellung in der Praxis für mich offensichtlich, dass der Kater beim Gehen in den Hinterbeinen tief einsackte. Die Blutuntersuchung ergab einen sicher schon länger bestehenden Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), der zu einer diabetischen Neuropathie und leider auch schon - für die Besitzer im vertrauten häuslichen Umfeld nur schwer bemerkbar - zu einem weitgehenden (und irreparablen!) Verlust der Sehfähigkeit geführt hatte.


Tina, die 17jährige Perser-Kätzin einer mit über 70 Jahren auch nicht mehr taufrischen Besitzerin, war gar nicht mehr gut zu Fuß und lag die ganze Zeit nur herum. Zum Futternapf und zur Toilette lief sie wie auf Reißzwecken. Arthrosen? Die Vermutung liegt nahe, Katzen in diesem Alter haben sehr häufig degenerative Gelenkveränderungen. In diesem Fall aber waren es überlange und in die Pfotenballen eingewachsene Krallen, die Tina bei jedem Schritt völlig unnötige und annähernd unerträgliche Schmerzen bereitet haben.


Mit 30 Jahren Berufserfahrung auf dem Buckel könnte ich jetzt noch seitenweise weitere Beispiele auflisten, aber ich denke, dass Sie mich schon verstanden haben. "Sie/er wird halt alt!" ist ein gefährlicher Satz, eine Denkweise, die oft genug grundfalsch ist. Beim jungen Tier rennt man wegen jedem quersitzenden Furz in höchster Sorge zum Tierarzt, wird es aber älter, verschließt man sich mit "Sie/er wird halt alt!" selber die Augen und übersieht offensichtliches Leiden, das mit dem Älterwerden nur indirekt zu tun hat und das durchaus sinnvoll gelindert werden könnte.


Nicht weniger, sondern mehr Vorsorge, mehr Aufmerksamkeit muss in diesem Lebensabschnitt die Devise sein! Und da unsere Vierbeiner nun mal nicht reden und sich beschweren können, müssen wir dabei diagnostisch engmaschiger vorgehen als in der Humanmedizin. Bei Hunden ab sieben, acht und bei Katzen über zehn Jahren macht es so richtig Sinn, einmal pro Jahr einen Check-Up und eine Blutuntersuchung zu veranlassen, in noch höherem Alter durchaus auch zweimal. Mit weitergehenden diagnostischen Maßnahmen wie Röntgen, Ultraschall, CT und MRT sollte man in dieser Lebensphase bei entsprechenden Verdachtsmomenten ebenfalls eher großzügig umgehen.


Wird fortgesetzt!


Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr


Ralph Rückert


 


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Römerstraße 71, 89077 Ulm


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