Ralph Rückert
Tierarzt und Blogger
Römerstraße 71
89077 Ulm
Telefon: 0731/382766
Notrufnummer:

0171/744 92 46

Die Corona-Krise: Staatliches Totalversagen bezüglich der Bare Essentials der Pandemie-Vorbereitung!

04.04.2020

Von Ralph Rückert, Tierarzt


Gleich zu Anfang: Das ist allenfalls am Rande ein tiermedizinischer Artikel. Wenn Sie von der Corona-Pandemie nichts mehr hören und sehen wollen, kann ich das teilweise nachvollziehen. Aber dann lesen Sie bitte auch erst gar nicht weiter. Ich will kein Genöle hören, dass man als Tierarzt bei seinem Thema bleiben müsse und sowas gar nicht schreiben dürfe. Ich schreibe in meinem Blog, was ich will. Dies ist kein neutral-informativer Artikel, sondern ein emotionaler Wutausbruch, eine reine Polemik, die ich mir als Bürger, als selbständiger Freiberufler, als Arbeitgeber und als Tierarzt rausnehme. Also, wenn Sie das nicht lesen wollen, dann ist genau hier nach dem Ausrufezeichen bitte Schluss!


So ganz allgemein und auf breiter Ebene wird den verantwortlichen Stellen in Deutschland gern bescheinigt, dass sie bezüglich der SARS-CoV-2-Pandemie einen guten Job machen würden. Diese verantwortlichen Stellen bestätigen sich das auch gerne und häufig gegenseitig, die Kanzlerin dem Gesundheitsminister, dem Innenminister, den Ministerpräsidenten, diese alle wiederum der Kanzlerin und alle zusammen in schöner Harmonie natürlich auch dem Robert-Koch-Institut. Kurzum: Alle Beteiligten klopfen sich in größter anzunehmender Selbstzufriedenheit beständig gegenseitig auf die Schulter.

Gleichzeitig aber sitzen Millionen von Arbeitnehmern und Selbständigen mehr oder weniger eingesperrt zu Hause und haben angesichts von Kurzarbeitergeld, drohendem oder schon erfolgtem Stellenverlust oder der schnell zunehmenden Gefahr, schlicht und einfach pleite zu gehen, das alles durchdringende Gefühl, dass ihre kleine Welt gerade untergeht. Die wirtschaftliche Bedrohung wird für diese vielen Millionen von Bürgern, die letztendlich das Rückgrat der deutschen Turbo-Volkswirtschaft bilden, von Tag zu Tag der drastischen und zeitlich mit einem Open-End versehenen Einschränkungen immer akuter. Deutschland (nicht im Sinne eines nebulösen Staatsbegriffes, sondern ganz konkret im Sinne von: wir alle, die Bürgerinnen und Bürger!) verliert pro Woche der partiellen Wirtschaftsstilllegung die geradezu unglaubliche Summe von über 40 Milliarden Euro!


Ebenfalls gleichzeitig lesen wir - wieder mit großer Selbstzufriedenheit von den verantwortlichen Stellen konstatiert - dass unser Gesundheitssystem um Welten besser und leistungsfähiger wäre als das der meisten anderen Staaten und wir gut auf diese Pandemie-Situation vorbereitet wären. Wir - die Bürger - müssten jetzt nur fest zusammenhalten und die noch nie dagewesenen Einschränkungen unserer Menschen- und Freiheitsrechte ebenso wie die realistische Möglichkeit unseres wirtschaftlichen Ruins möglichst klaglos schlucken, damit dieses Hochleistungs-Gesundheitssystem nicht unter der Last von Corona-Intensivpatienten in die Knie geht. Auffällig dabei: Diese Aufforderungen zu größtmöglicher Solidarität stammen fast ausschließlich von Leuten, für die noch nicht mal andeutungsweise die Gefahr besteht, durch die Krise ihre gesamte Existenzgrundlage oder ihr Lebenswerk zu verlieren!


Und wiederum gleichzeitig müssen wir lesen, dass sich die Repräsentanten verschiedener Staaten auf den Rollfeldern chinesischer Flughäfen mit gezückten Geldbörsen um Schutzmaskenlieferungen prügeln, dass immer mehr (an vorderster Front dieses so gerühmten Gesundheitssystems kämpfende und deshalb auch dringend benötigte) Arztpraxen dicht machen müssen, weil sie keine einzige Maske, kein Paar Schutzhandschuhe, keinen einzigen Milliliter Hände- oder Flächendesinfektionsmittel mehr haben. Und dann ist da noch mein Kollege (ja, er ist Tierarzt) Lothar Wieler, der Chef des Robert-Koch-Instituts, der am 20. März den Satz verlauten ließ, dass wir uns in einer Krise befänden, "die ein Ausmaß hat, das ich mir selber habe nie vorstellen können".


Ganz ehrlich: Ist man auch nur halbwegs informiert, läuft es einem bei diesem Satz des obersten Seuchenbekämpfers der Republik eiskalt den Rücken runter, denn was das theoretische Gefahrenpotential eines neuartigen Coronavirus angeht, ist diese Pandemie nicht mal annähernd der größte anzunehmende Unfall. Der Präsident des Robert-Koch-Instituts konnte sich also das Ausmaß der aktuellen Krise selber nicht vorstellen? Das ist an sich eigentlich unvorstellbar, denn Ende 2012 hat genau dieses Robert-Koch-Institut eine kurz darauf der Regierung vorgelegte Risikoanalyse "Pandemie" erarbeitet, die ein sogenanntes Reasonable-Worst-Case-Szenario einer Novel-Coronavirus-Pandemie darstellt, ein Szenario, das um Welten schlimmer ist als das, was wir jetzt erleben. Die Risikoanalyse unterstellt eine Letalität von 10 Prozent und geht demzufolge von mindestens 7,5 Millionen Toten und extremsten gesellschaftlichen Folgen aus. Hm! Und jetzt nochmal, weil es ja eigentlich unglaublich ist, die Einlassung des Kollegen Wieler: "Wir sind in einer Krise, deren Ausmaß ich mir nie hätte vorstellen können."


Die Frage ist: Warum, zur Hölle? Warum konnte er sich als Chef einer Bundesbehörde, von der die so viel dramatischere Risikoanalyse "Pandemie" maßgeblich verfasst wurde, den jetzigen und vergleichsweise glimpflichen Seuchenzug nicht vorstellen? Hat er das Papier etwa nicht gelesen? Kann ja wohl nicht sein! Nimmt er uns vielleicht auf den Arm? Will er die jetzige Situation als etwas völlig Unvorhersehbares darstellen, um davon abzulenken, dass wir eben absolut nicht vorbereitet waren, obwohl es an Warnungen beileibe nicht gefehlt hat? Nach Aussagen fast aller mir bekannten Virologen und Epidemiologen stellte sich bezüglich einer Novel-Corona-Pandemie schon seit Jahren weniger die Frage nach dem Ob, sondern eher nach dem Wann!


Was soll man davon halten, wenn behauptet wird, dass wir gut vorbereitet wären, dass wir 28000 Beatmungsplätze hätten, aber schon nach ein paar Tagen bundesweit einfachste Basics wie Schutzmasken, Desinfektionsmittel und Einmalhandschuhe zur absoluten Mangelware werden, sich also das so überaus wichtige medizinische Personal, das schließlich die technisch höchst anspruchsvollen Beatmungsplätze bedienen muss, nicht mal auf einem absoluten Mindestlevel vor einer Infektion schützen kann? Was sind 28000 Intensivbetten wert, wenn die Hälfte des Personals ausgefallen ist? Genau so viel wie der schönste High-Tech-Rettungswagen ohne Fahrer oder wie ein Euter an einem Bullen, nämlich gar nix!


Wenn wir so gut vorbereitet waren bzw. sind, wie kann es dann sein, dass eine gute Freundin von mir, ihres Zeichens Allgemeinmedizinerin und Hausärztin, vor Freude fast in Tränen ausbricht, wenn ich (der Tierarzt!) ihr ein paar Schutzkittel, Handschuhe und Masken schenke, damit sie wenigstens wieder unter korrektem Infektionsschutz Tupferproben von COVID-19-Verdächtigen nehmen kann? Wie gut vorbereitet waren und sind wir wirklich, wenn bereits jetzt offizielle Stellen an die Tierärzteschaft herantreten, um an unsere Beatmungsgeräte zu kommen?


Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (das ist der, dem die Kanzlerin ständig bescheinigt, dass er einen guten Job machen würde) hat sich vor ein paar Tagen bitterlich beklagt, dass Schutzmasken jetzt plötzlich so teuer geworden wären. Ach nee! Ich kann nur eines sagen: Vor der Krise, also in der Zeit zwischen der der Regierung wohl bekannten Risikoanalyse "Pandemie" und dem Beginn des aktuellen Zirkus habe ich als Kleinmengen bestellender Tierarzt weniger als 10 Cent für eine chirurgische Schutzmaske bezahlt. Sprich (und um es mal so richtig zugespitzt zu formulieren): Für jeden Kilometer Prestige-Radweg von Nirgends nach Nirgendwo hätte man mindestens eine Million solcher Schutzmasken kaufen und auf Halde legen können! Hat man aber nicht für nötig gehalten. Lieber verscheißert man jetzt die Bevölkerung, indem man buchstäblich in einem Satz behauptet, dass chirurgische Gesichtsmasken gar nichts bringen und sie außerdem im Medizinbereich dringend gebraucht würden. Ach ja? Warum werden sie denn im medizinischen Bereich so dringend benötigt, wenn es rein gar nichts bringt, eine zu tragen?


Was medizinische Schutzausrüstung, aber auch unverzichtbare Medikamente angeht, hängen wir aufgrund einer völlig verfehlten Globalisierungspolitik und einer zwanghaften Orientierung am Shareholder-Value hier in Europa fast komplett am Tropf von Ländern wie China und Indien, ohne jede nationalen oder wenigstens kontinentalen Produktionskapazitäten. Genau deshalb wird es noch in diesem Jahr unweigerlich zu gravierenden und längerfristig anhaltenden Engpässen und dazu kommen, dass wir Ihre Haustiere wieder unter "Steinzeit-Narkosen", ohne Mundschutz, ohne sterile Kittel und Handschuhe operieren müssen. Gut vorbereitet? Ein Witz, und zwar ein ganz, ganz schlechter!


"Gut vorbereitet" bedeutet in meinen Augen zwar auch, aber eben nicht nur das Vorhalten möglichst vieler und sackteurer High-Tech-Intensivbetten, denn von denen würde man bei einer Pandemie entschieden weniger brauchen, wenn man auch an eine auch nur halbwegs ausreichende Vorbereitung auf dem niedrigsten Level, bei Cent-Artikeln wie Masken, Kitteln, Handschuhen und Desinfektionsmitteln gedacht hätte. Die Verantwortlichen können erzählen, was sie wollen: Natürlich tragen selbst die einfachsten Schutzmasken zu einer Unterbrechung von Infektionsketten bei, und zwar nicht unwesentlich! Dazu brauche ich mal ausnahmsweise keine wissenschaftlichen Untersuchungen, weil für diese Erkenntnis tatsächlich der gesunde Menschenverstand völlig ausreicht. Und das medizinische Personal im täglichen Umgang mit Infizierten hat ein VERDAMMTES RECHT (!!!) auf FFP2- oder FFP3-Schutzmasken. Ich halte es für unerträglich, dass die Kolleginnen und Kollegen in diesem Bereich jetzt ohne Rücksicht auf Verluste und unter zynisch anmutendem Beifallgeklatsche ihre und die Gesundheit ihrer Familien aufs Spiel setzen müssen, weil die verantwortlichen Stellen unter exakter Kenntnis der Risiken zu knausrig waren, ein paar Millionen von den Dingern als nationale Notreserve vorzuhalten.


Lieber ruiniert man jetzt unter maximal dreister Einforderung unser aller Solidarität unzählige Existenzen und letztendlich unsere gesamte Volkswirtschaft, mit dem frommen Hinweis darauf, dass Menschenleben nicht gegen Geld aufgerechnet werden dürften. Ach ja, ist das so? Warum war dann das Anlegen nationaler Notreserven an absoluter Basisschutzausrüstung wenigstens (wenigstens!) für das medizinische Personal vor der Pandemie offenbar zu teuer??? Geht es bei an COVID-19 sterbenden Pflegekräften oder Ärzten nicht um Menschenleben? Fällt das sozusagen unter Berufsrisiko, sich ohne Schutzausrüstung um Infizierte bemühen zu müssen?


Zur Ablenkung vom eigenen staatlichen Versagen arbeitet man sich nun gern an wahlweise bösen oder ignoranten Menschen ab, die sich mit dem Konzept des "Social Distancing" aufgrund persönlicher oder charakterlicher Defizite schwer tun. Ich für mich kann ehrlich gesagt eher mit der Tatsache leben, dass es in jeder Bevölkerung einen gewissen Prozentsatz von Leuten geben muss, die man halt nicht vernünftig eingenordet bekommt, als damit, dass die von mir gewählten Repräsentanten in Sachen Katastrophen-Vorsorge komplett versagt haben! Es sind nicht die paar ignoranten und weiter Party machenden Vollpfosten, die am Ende Tausende von unnötigen Todesfällen verursacht haben werden. Es sind in meinen Augen diejenigen "Volksvertreter", die die Risikostudie zwar durchaus gelesen, sich aber dann schnell gesagt haben: "Nee, wird schon nicht in dieser Legislaturperiode passieren. Pfeif auf Schutzmasken für blöde Krankenschwestern mit überzogener Anspruchshaltung, lasst uns lieber auf noch mehr verkehrsberuhigte Zonen mit schöner Bepflanzung und Designer-Straßenlampen in den Hauptwohngebieten unserer Wähler setzen!".


Damit wir uns nicht falsch verstehen und nicht zuletzt auch, damit ich mit meinen Einlassungen jetzt nicht von irgendwelchen die Pandemie und ihre Gefahren verleugnenden Spinnern vereinnahmt werde: Die Pandemie ist real, sie ist zweifellos und auf mehreren Ebenen extrem systemgefährdend, sie ist, um mit den Worten von Richard Hatchett, dem CEO von CEPI, zu sprechen "the most frightening disease I've ever encountered in my career", und ich sehe zu dem aktuell wahrscheinlichsten Hammer-and-Dance-Szenario unter den gegebenen Umständen auch keine echte Alternative.


Aber (ABER!) treibt es nicht zu weit! Ich für mich werde es nicht hinnehmen, und zwar weder unter wirtschaftlich-existenziellen noch unter demokratisch-verfassungspatriotischen Gesichtspunkten, wenn die extremste Schäden verursachende Hammer-Phase auch nur einen Tag zu lang fortgesetzt wird. Wenn Ihr, meine Repräsentanten, die Ihr es zumindest in einem extrem wichtigen Bereich der Pandemie-Notfallvorsorge so richtig verbockt habt, da nicht den zügigen Exit hinbekommt, werdet Ihr mich mit meinen 60 Jahren auf der Straße Radau machen sehen, und ich werde garantiert nicht allein sein!


Bleiben Sie uns trotz dieses weitgehenden Abschweifens vom eigentlichen Themengebiet dieses Blogs gewogen, bis bald, Ihr


Ralph Rückert


 


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Römerstraße 71, 89077 Ulm


Sie können jederzeit und ohne meine Erlaubnis auf diesen Artikel verlinken oder ihn auf Facebook teilen. Jegliche Vervielfältigung oder Nachveröffentlichung, ob in elektronischer Form oder im Druck, kann nur mit meinem schriftlich eingeholten und erteilten Einverständnis erfolgen. Von mir genehmigte Nachveröffentlichungen müssen den jeweiligen Artikel völlig unverändert lassen, also ohne Weglassungen, Hinzufügungen oder Hervorhebungen. Eine Umwandlung in andere Dateiformate wie PDF ist nicht gestattet. In Printmedien sind dem Artikel die vollständigen Quellenangaben inkl. meiner Praxis-Homepage beizufügen, bei Online-Nachveröffentlichung ist zusätzlich ein anklickbarer Link auf meine Praxis-Homepage oder den Original-Artikel im Blog nötig.