Ralph Rückert
Tierarzt und Blogger
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Covid-19-Infektionsschutz in der Tierarztpraxis: Lockerungen? Oder lieber doch nicht?

23.05.2020

Von Ralph Rückert, Tierarzt


Ein ganz aktuelles Facebook-Posting in einer Hundegruppe, das innerhalb von 13 Stunden über 400 Kommentare gezogen hat:


"Nachdem ich es immer wieder lese und absolut kein Verständnis dafür hab ... Den Hund einfach beim Tierarzt abgeben? Sorry, aber würd ich niemals machen. Hier darf ich sowohl bei meinem TA als auch in die Klinik mit rein. Ich würd die Krise kriegen...... Ich würde mein Kind doch auch nicht einfach beim Kinderarzt abgeben."


Wir PraxisinhaberInnen sind uns natürlich mehr als bewusst, dass es wohl einige TierbesitzerInnen geben muss, die das so oder ähnlich sehen. Als Dienstleister lebt man nicht zuletzt davon, dass man die Erwartungshaltung eines Großteiles seiner Kundschaft erfüllt. So gesehen machen einem solche Meinungsäußerungen natürlich Bauchweh, auch und gerade dann, wenn man sich dadurch in ein auswegloses Spannungsfeld zwischen Erfüllung von Kundenwünschen und verantwortungsvollem Verhalten in einer nie dagewesenen Situation gebracht sieht.

Wir sind alle miteinander gerade in einer ganz vertrackten Lage: Deutschland hat es im internationalen Vergleich recht ordentlich gewuppt bekommen, den ersten Angriff des SARS-CoV-2-Virus abzumildern. Wir haben jetzt seit ca. 14 Tagen nur noch dreistellige Neuinfektionszahlen (natürlich ohne Dunkelziffer!) pro Tag und auch eine schnell sinkende Anzahl von aktiven Infektionsfällen (mit heutigem Datum ca. 12000), und das bei einer Bevölkerung von über 80 Millionen.


Damit entsteht ein massives Ungleichgewicht zwischen dem persönlichen und dem epidemiologischen Risiko: Auf der persönlichen Ebene ist es enorm unwahrscheinlich geworden, sich die Infektion einzufangen, dies ganz besonders, wenn man sich in Bezug auf die Einhaltung der Regeln vernünftig verhält. Epidemiologisch gesehen besteht aber ein nach wie vor ziemlich großes Risiko, dass das Virus durch massenhaft leichtsinniges Verhalten wieder richtig Fahrt aufnimmt, was für uns alle hochgradig unangenehme bis katastrophale Folgen zeitigen könnte.


Mit so einem Dilemma vernünftig umzugehen, ist ganz sicher problematisch, um so problematischer, je einfacher die individuellen neuronalen Verknüpfungen des Gehirns gestrickt sind. Keiner (wirklich Keiner!) kann sicher sagen, wie es weiter gehen wird. Ich wage die Vorhersage, dass es am Ende laufen wird, wie man es aus epidemiologischer Sicht erwarten muss: Hält sich eine deutliche Majorität der Vernünftigen, hoffentlich so um die 80 Prozent, weiterhin hartnäckig an die Basis-Regeln (Abstand, Hygiene, Meiden von Menschenansammlungen und längeren Face-To-Face-Kontakten, besonders in geschlossenen Räumen, etc.), wird das ausreichen, das leichtsinnige Verhalten der restlichen 20 Prozent zu kompensieren, so dass die Situation unter Kontrolle bleibt und die Minderheit der Unvernünftigen hinterher einen auf dicke Hose machen kann, weil sie sich durch den Verlauf der Dinge bestätigt fühlt. Überschreiten Unvernunft und Egoismus aber eine kritische Grenze, von der wir leider nicht genau wissen, wo sie sich befindet, fliegt uns das Ganze halt wieder so richtig schön um die Ohren.


Für mich als Praxisinhaber, der nicht nur seinen Privatbereich geregelt bekommen muss, sondern auch eine klare Verantwortung für seine Mitarbeiterinnen und die Kundschaft wahrzunehmen hat, ist es wirklich schier unmöglich, sich zwischen den zwei Stühlen "Kundenorientierung" und "Infektionsprävention" so hinzusetzen, dass man sich dabei nicht weh tut. Jede und jeder von uns PraxisinhaberInnen muss da entsprechend ihrer bzw. seiner persönlichen Risikoeinschätzung den vermeintlich richtigen Weg finden. Dementsprechend gibt es - wie auch in den Netzdiskussionen dieses Themas klar zum Ausdruck kommt - je nach Praxis oder Klinik ganz unterschiedliche Maßnahmen und Regelungen. Manche Kolleginnen und Kollegen lassen Tierbesitzer erst gar nicht in die Praxis und übernehmen die zu behandelnden Tiere draußen vor der Eingangstür. Andere lassen das Betreten der Wartezimmer, aber nicht der Behandlungsräume zu. Und wieder andere tun so, als ob es die Pandemie nicht gäbe, was natürlich den TierhalterInnen gefällt, die so denken wie die Erstellerin des eingangs zitierten Postings.


Letztendlich ziehe auch ich das Konzept "Sperrzone Behandlungszimmer" nicht in letzter Konsequenz durch. Es gibt durchaus Situationen, in denen TierbesitzerInnen mit ihren Tieren reinkommen müssen oder dürfen, zum Beispiel bei wirklich (wirklich!) panischen Hunden, bei Euthanasien oder angesichts komplizierter Vorberichte oder Diagnosen. Trotzdem versuchen wir die Anwesenheitszeit von Kunden in der Behandlung so weit wie möglich zu reduzieren. Das Problem, das wir damit haben, scheint vielen Leuten gar nicht bewusst zu sein: Es gilt inzwischen als gesicherte Tatsache, dass SARS-COV-2 nicht nur durch Tröpfchen, sondern auch im Aerosol übertragen wird, sprich: Eine (eventuell symptomlos) infizierte Person, die sich mit mir in einem relativ kleinen Behandlungszimmer intensiv unterhält, pumpt trotz korrektem Abstand und Maske (!!!) mit jeder Minute mehr und mehr Viren in den Raum, die da auch potentiell über Stunden in der Luft stehen und infektionsfähig bleiben. Das ist keine schöne Vorstellung!


Natürlich ist es inzwischen rein statistisch immer unwahrscheinlicher geworden, dass jemand in der Praxis aufschlägt, der gerade SARS-COV-2 ausscheidet, ohne sich krank zu fühlen. Trotzdem und völlig egal, wie hoch dieses Risiko aktuell ist: Habe ich statt wie früher 40 aktuell nur vier Besitzer pro Tag im Behandlungszimmer, bedeutet das nun mal eine ganz beträchtliche Verminderung des Restrisikos für mich und meine Angestellten. Meine Mitarbeiterinnen sind alle junge Frauen, die den allergrößten Teil ihres Lebens noch vor sich haben und die aller Wahrscheinlichkeit nach auch irgendwann mal Kinder bekommen möchten. Es schält sich ja immer mehr heraus, dass COVID-19 alles andere als eine einfache Lungenentzündung ist. Wir haben es wohl eher mit einer systemischen Vaskulitis (Gefäßentzündung) zu tun, die sich zwar vorwiegend, aber nicht nur in der Lunge auswirkt. Von der Tatsache abgesehen, dass ich es nicht akzeptabel finde, wenn ein junger Mensch eventuell dauerhaft in seiner Atmungsfunktion eingeschränkt wird, sind die langfristigen Auswirkungen zum Beispiel auf die Reproduktionsorgane noch nicht mal ansatzweise geklärt. Von meiner Frau und mir, die wir schon rein altersbedingt ein deutlich höheres Risiko für einen gefährlichen Verlauf einer COVID-19-Erkrankung tragen, will ich erst gar nicht anfangen.


Allein diese relativ simplen Gedankengänge reichen mir als Rechtfertigung dafür, unsere aktuellen Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen erst mal ohne echte Lockerungen weiter zu führen. Und glauben Sie bitte, bitte keine Minute lang, dass uns das nicht auch furchtbar schwer fällt. Ich vermisse den direkten Kontakt, die intensiven Gespräche, die Plaudereien und die Scherze mit Ihnen wirklich sehr, wahrscheinlich mehr, als Sie sich vorstellen können!


Aber, wie ich schon mal geschrieben habe: Ich will nicht der Depp sein, der durch vorsätzliche Schlamperei ein Unglück verursacht! Wenn ich ehrlich sein soll, dann hoffe ich nicht nur auf Ihr Verständnis und Ihre Kooperation, sondern erwarte sie sogar. Diese meine Erwartung scheint sich bisher zu erfüllen, und dafür bin ich unseren treuen Kunden wirklich mehr als dankbar. Bitte ertragen Sie diese für alle Seiten mehr als unerfreuliche Situation mit uns zusammen noch ein Weilchen länger! Ich sehe einfach keine andere Alternative, wenn ich nicht fahrlässig meine Verantwortung für meine Schutzbefohlenen vernachlässigen möchte, um es vereinzelten TierbesitzerInnen recht zu machen, die leider völlig ungeniert ihre Befindlichkeiten als wichtiger einstufen als die Gesundheit ihrer Mitmenschen.


Dazu kommt noch ein nicht unwesentlicher Punkt: Ganz am Anfang der Krise hatten wir Kleintierpraktiker eine Art "Schrecksekunde" und mussten kurz befürchten, dass uns unsere Praxen - wie in manchen anderen Ländern - geschlossen oder wir in unserer Handlungsfreiheit massiv eingeschränkt werden. In Großbritannien zum Beispiel gibt es ganz offizielle Triage-Richtlinien für kranke Haustiere. Dankenswerterweise haben die zuständigen Stellen dann sehr schnell und korrekt entschieden, dass auch die Kleintiermedizin zur Grundversorgung gehört. Allerdings hat die Ministerin in ihrem Schreiben an unsere Berufsverbände recht deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie von uns als Profis verantwortungsvolles Handeln in Sachen Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen erwarten würde. Auf gut Deutsch: Wir stehen diesbezüglich sehr wohl unter Beobachtung! Unter diesem Aspekt kann ich die Kolleginnen und Kollegen, die die Pandemie buchstäblich ignorieren, leider nicht wirklich verstehen.


Noch ein Nachsatz zur Situation im Wartezimmer: Selbstredend besteht auch dort (trotz Abstand, Masken, Spuckschutz) die Gefahr einer Aerosol-Übertragung. Wir bemühen uns, durch die Terminvergabe Staus im Wartezimmer und am Empfang weitgehend zu vermeiden, sind aber durchaus auch darauf angewiesen, dass Sie eine gewisse Eigenverantwortung übernehmen. Wenn Sie sehen, dass da gerade mehr als drei, vier Kunden anwesend sind, dann warten Sie halt bitte draußen vor der Tür. Es ist Frühling, die Temperaturen sind angenehm und vor dem Eingang befindet sich ein riesiges Vordach, unter dem sie auch bei Regen sicher nicht nass werden. Wenn Sie auf Ihr Tier oder auf die Erstellung der Rechnung warten und feststellen, dass es gerade mal etwas eng wird, dann sorgen Sie doch bitte für Entlastung und gehen ebenfalls einfach kurz vor die Tür. Wir versuchen nach Kräften, alles irgendwie im Auge zu behalten, was aber nicht zu allen Zeiten lückenlos funktionieren kann, weshalb wir auch hier auf Ihre Kooperation angewiesen sind.


Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr


Ralph Rückert


 


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Römerstraße 71, 89077 Ulm


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