Ralph Rückert
Tierarzt und Blogger
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Der abgebrochene Milcheckzahn beim Welpen

21.06.2020

Von Ralph Rückert, Tierarzt


Ein durchaus häufiger Vorstellungsgrund: Der abgebrochene Milch-Caninus (Eckzahn) bei Hunde- und Katzenwelpen. Allerdings: Mindestens genau so häufig wird dieses Problem dem Tierarzt leider und oft zum Nachteil der Welpen nicht vorgestellt, entweder weil die Besitzer es erst gar nicht bemerken oder aber (gern durch unsachkundige Äußerungen in den sozialen Medien bestärkt) der Meinung sind, dass der alsbald anstehende Zahnwechsel die Situation von selber bereinigen würde.


Deshalb gleich zu Anfang ein klares Statement: Ein abgebrochener Milcheckzahn muss so gut wie immer extrahiert werden, vorzugsweise unter Röntgenkontrolle (je ein Bild vorher und nachher)!

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Warum denn das? Wie schon erwähnt: Der in den nächsten Wochen zwangsläufig anstehende Zahnwechsel vom Milch- zum Dauergebiss sollte das Problem doch effektiv beseitigen. Warum also dafür jetzt noch eine Stange Geld anlegen?


Erstens tut eine Zahnfraktur mit offener Pulpa einfach weh, auch wenn man dem Welpen davon nicht viel anmerkt.


Zweitens: Wie auf dem Röntgenbild gut zu sehen ist, stellt die offene Pulpa ("der offene Nerv") des frakturierten Milchzahns ein riesiges Einfallstor für Bakterien aller Art bis tief in den Kiefer dar. Kommt es an der Wurzelspitze des Milcheckzahns zu einer Infektion, wird durch die unmittelbare Nähe zum dort auf seinen großen Auftritt wartenden Zahnkeims des Dauereckzahns dieser gern mal irreparabel geschädigt.


Darüber hinaus stellt ein frakturierter Milchcaninus die berüchtigste und häufigste Eintrittspforte für Tetanus (Wundstarrkrampf) beim betroffenen Hundewelpen dar. Tetanus ist zwar keine häufige Erkrankung, aber wenn Sie das Pech haben, dass es gerade bei Ihrem Welpen passiert, ist das eine sehr schlimme Sache: Schwerstes Leiden, höchst ungewisser Ausgang und meist mit Kosten tief im vierstelligen Bereich verbunden!


Drittens stirbt ein frakturierter Milchcaninus durch das zwangsläufig eintretende Pulpagangrän ab, wird also avital und kann deshalb nicht - wie im Rahmen des Zahnwechsels vorgesehen - seine Zahnwurzel auflösen, was dann natürlich zu weiteren Problemen führt.


Deshalb also sollte so ein abgebrochener Milcheckzahn extrahiert werden. Wenn auch solche Extraktionen in vielen Fällen in Ermangelung der notwendigen technischen Ausstattung ohne Röntgenkontrolle durchgeführt werden, ist das heutzutage eigentlich abzulehnen. Die oben gezeigten beiden Bilder sind in meinen Augen wirklich sehr wichtig. Das Vorher-Bild informiert mich über die genaue Lage des zu entfernenden Milchzahns, seine Nähe zum nachrückenden Zahnkeim des Dauer-Eckzahns und darüber, ob sich die Milchzahnwurzel eventuell schon in Auflösung befindet. Die Nachher-Aufnahme zeigt (wichtig!) die vollständige Entfernung des Milch-Caninus und darüber hinaus, ob bei der Extraktion nicht etwa der nachrückende Dauer-Eckzahn beschädigt wurde. Letzteres ist ein nicht seltenes Ergebnis bei unvorsichtiger bzw. zu grober Extraktionstechnik.


Also, Fazit: Bei Welpen ist in meinen Augen eine tägliche Kontrolle der Eckzähne durch die Besitzer sinnvoll. Wird dabei ein abgebrochener Milcheckzahn entdeckt, sollte dieses Problem ohne großen Zeitverzug der Tierarztpraxis des Vertrauens vorgestellt werden. Es ist KEINE Option, den Zahnwechsel abzuwarten, weil das nämlich so richtig schön in die Hose gehen kann. Vorher-Nachher-Röntgenaufnahmen halte ich mindestens für sehr sinnvoll, wenn nicht gar für annähernd unverzichtbar.


Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr


Ralph Rückert


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Römerstraße 71, 89077 Ulm


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