Ralph Rückert
Tierarzt und Blogger
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Weihnachten 2020: Totalschaden!

20.12.2020

Von Ralph Rückert, Tierarzt


Mal wieder - wie dieses Jahr ja schon öfter - kein wirklich tiermedizinisches Thema. Und unweigerlich werden mich wieder welche auffordern, doch als Schuster bei meinen Leisten zu bleiben. Da die Pandemie uns aber alle angeht und auch massiv in unserem Leben beeinflusst, fühle ich mich durchaus berufen, zwischenrein auch mal darüber zu schreiben.


Wer wirklich hinschaut und nicht krampfhaft die Augen verschließt, sieht gerade eine ausgesprochen besorgniserregende Entwicklung: Der sogenannte "Lockdown Light" hatte einen viel zu schwachen Effekt auf die exponentielle Verbreitung des Virus. Wir haben definitiv jegliche Kontrolle verloren. Es sterben wieder viel zu viele Covid-19-Erkrankte, regional geraten immer mehr Krankenhäuser an ihre Kapazitätsgrenzen, so dass es schon vereinzelt zu Triage-Situationen kommen dürfte.

Ich bin persönlich zutiefst enttäuscht und deprimiert! Wollte ich meine politische Einstellung in einem Wort beschreiben, käme mir am ehesten der Begriff "liberal-konservativ" in den Sinn, mit Betonung auf "liberal". Als Liberaler habe ich ein pauschales Problem mit unnötigen bzw. überzogenen staatlichen Eingriffen in das Leben der Bürger und setze viel lieber auf Werte wie Eigenverantwortung, Vernunft und Einsicht. Deshalb war ich in der Anfangsphase der Pandemie ziemlich fest davon überzeugt, dass es gar nicht nötig wäre, von staatlicher Seite her den starken Mann nach dem Modell Söder zu markieren, und man lieber durch solide Aufklärung erreichen sollte, dass sich die Menschen epidemiologisch sinnvoll verhalten. Die während der ersten Welle erhobenen Bewegungsdaten der Bevölkerung schienen mir damals sogar recht zu geben. Die Menschen wurden im Frühling schon VOR dem staatlich verordneten Lockdown durch eigenen Entschluss sehr vor- und umsichtig, weshalb der gewünschte Effekt dann auch sehr zügig eintrat.


Am 25. April habe ich dann anlässlich der bevorstehenden Lockerungen des Lockdowns einen Artikel veröffentlicht, aus dem diese Zeilen stammen:


"Wenn wir es vergeigen, schlägt dieses Virus, das natürlich nach wie vor da ist und auch auf absehbare Zeit da bleiben wird, wieder richtig ein, und dann haben wir die berüchtigte zweite Welle, die höchstwahrscheinlich wieder nur durch einen sowohl finanziell als auch gesellschaftlich ruinösen Lockdown bewältigt werden kann."


Tja, genau da stehen wir jetzt leider, und zwar, weil wir es eben doch voll vergeigt haben!


"Zweitens ist es eigentlich völlig egal, was die da oben beschließen, ob sie es nun richtig machen oder ob sie zu weit gehen: Es liegt am Ende an jedem von uns, ob wir das gebacken bekommen oder nicht! Ich würde mir wirklich so sehr wünschen, dass eine satte Mehrheit von uns Bürgerinnen und Bürgern jetzt der Politik beweist, dass man uns Vernunft nicht durch krasseste und teilweise völlig überzogene Verordnungen buchstäblich reinwürgen muss, sondern dass wir - entsprechende Aufklärung vorausgesetzt - durchaus selber dazu in der Lage sind, auf uns aufzupassen."


Und genau das, nämlich in der Lage, auf uns selbst aufzupassen, sind wir ganz offensichtlich nicht, und das ist für mich tatsächlich deprimierend ohne Ende. Man kann jetzt viel theoretisieren und auch mit einem gewissen Recht Vorwürfe in Richtung Regierung erheben. Zum Beispiel wurde die Atempause im Sommer überhaupt nicht effektiv genützt, sich bezüglich der Infektionskettenverfolgung organisatorisch deutlich besser aufzustellen. Aber das ist nicht der Punkt. Wenn ich so um mich schaue, bleibt nur ein Fazit: Wir, die Bürgerinnen und Bürger, haben es einfach versemmelt und sind darüber hinaus jetzt gerade fleißig dabei, uns ein Ei zu legen, mit dem wir uns eventuell auch noch den nächsten Sommer versauen.


Was sehe ich, wenn ich um mich schaue? Mir geht es überhaupt nicht um verschrobene "Querdenker", die nie kapiert haben (wie auch mit ihren begrenzten Mitteln?), dass man ohne das Handwerkszeug des linearen Denkens gar nicht wirklich quer denken kann. Zumindest in meinem persönlichen und beruflichen Umfeld sind solche Leute dankenswerterweise extrem selten. Nein, es geht mir um den ganz normalen Alltag, und da läuft alles schief, was man sich nur vorstellen kann. Ich sehe Schülergruppen rumstehen, in denen vier, fünf Leute die Köpfe über einem Smartphone zusammen stecken. Ich sehe alte Menschen, die im Fall einer Infektion sicher ein hohes Risiko hätten, an der Fleischtheke im Supermarkt hemmungslos jede Abstandsregel ignorieren. In der Praxis muss ich gut zwei Drittel der Kundinnen und Kunden zur Einhaltung des "Drei-Dackel-Abstandes" zu mir und meinen Mitarbeiterinnen auffordern, obwohl entsprechende Schilder inzwischen an jeder Türe angebracht sind. Das alles ist absolut nicht vorsätzlich oder böswillig. Bitte ich um mehr Abstand, zucken fast alle sofort ein, zwei Schritte zurück und entschuldigen sich. Man fragt sich aber schon immer wieder, warum die AHA-Regeln nicht inzwischen jeder und jedem in Fleisch und Blut übergegangen sind.


Nochmal um eine Größenordnung schlimmer finde ich, was ich in den Sozialen Medien mitbekomme. Ganz normale Leute, also keine Berufsquerulanten oder Grenzdebile, fragen sich angesichts staatlich verhängter Auflagen eben nicht, was sie jetzt idealerweise tun bzw. lassen sollten, nein, sie fragen sich, was sie unter kniffligster und scharfsinnigster Suche nach irgendwelchen Lücken in den Verordnungen noch so alles machen können. Es ist zum Beispiel ganz offensichtlich, dass die Regierung die BürgerInnen mehr oder weniger auf Knien darum bittet, ihre Kontakte SO WEIT WIE IRGEND MÖGLICH einzuschränken, durchaus auch über die verhängten Auflagen hinaus, was ja im Sinne der Pandemiebekämpfung absolut vernünftig ist. Das scheint aber den BürgerInnen völlig am Arsch vorbei zu gehen, denn in unzähligen Threads wird unter heißen Diskussionen nach Tipps und Kniffen gesucht, für die privaten Feiern an Weihnachten oder Silvester so viele Leute wie möglich zusammen zu bringen. Das geht (man kann nur noch den Kopf schütteln!) bis hin zur temporären Ummeldung des Wohnortes, um Haushalte zusammen zu legen.


Anderes Beispiel: Der Regierung wäre es eigentlich am liebsten, wenn dieses eine Mal an Silvester nicht rumgeballert wird, in erster Linie, um zusätzliche Arbeit für die sowieso schon überlasteten Krankenhäuser durch abgesprengte Finger und verkokelte Visagen möglichst zu vermeiden. Privates Feuerwerk einfach zu verbieten, hat man sich entweder politisch nicht getraut oder mangels Kontrollmöglichkeit als sinnlos erachtet. Deshalb hat man nur den Verkauf von Pyrotechnik unterbunden und ansonsten halt darum gebeten, es doch dieses Jahr einfach bleiben zu lassen. Und was passiert? Wieder erörtern völlig normale Leute in ellenlangen Diskussionen alle denkbaren Möglichkeiten, doch irgendwie "legal" ihre eingelagerten oder noch schnell aus Polen besorgten Böller rumschmeißen zu können.


Drittes Beispiel, diesmal aus einer großen Facebook-Hundegruppe: Man hat einen neuen Welpen ins Haus bekommen und fragt nun rum, wer denn mal mit einem Gassi gehen würde, damit der kleine Hund auch gut sozialisiert wird. Auf den Hinweis eines Kommentators, dass man sowas in diesen Zeiten eigentlich besser nicht tun sollte , wird sogleich streng und ungehalten erwidert, dass das unter den geltenden Regeln sehr wohl möglich wäre. Das stimmt sogar, aber wirklich Sinn macht es halt trotzdem nicht, weil es mindestens ein völlig unnötiger Kontakt mehr ist, bei dem es zu einer Infektion kommen kann.


Die breite Kooperation der Bevölkerung mit den Zielen der Regierung ist also nach meinem Dafürhalten mehr oder weniger in sich zusammengebrochen. Diese Einschätzung wird durch die nach wie vor bestürzend schnelle Ausbreitung des Virus bestätigt. Die Gründe für diesen Zusammenbruch sind sicher vielfältig: Pandemiemüdigkeit, Trotz, moralische Verkommenheit, schlichte Wurstigkeit, eine alles kaputt diskutierende "Debattenkultur" oder einfach die Unfähigkeit, epidemiologische Zusammenhänge wie exponentielles Wachstum zu verstehen. Eigentlich egal, aber nichtsdestotrotz zutiefst deprimierend für Leute wie mich, die eben dazu neigen, ihre Mitmenschen generell für vernunftgesteuerte und selbstverantwortliche Wesen zu halten. Dieses Jahr hat tatsächlich mein Weltbild erschüttert, weil ich inzwischen zu meinem Entsetzen eingestehen muss, dass Politiker wie Markus Söder wohl doch richtig liegen, wenn sie bezüglich der verhängten Auflagen bis ans gerade noch durchsetzbare Maximum gehen, so nach dem Motto: "Du bleibst mit deinem Arsch im Haus! Wenn wir dich ohne guten Grund draußen auf der Gass erwischen, bekommst du richtig eine zwischen die Hörner!".


Schrecklich! Entwürdigend! Und beschämend! Purer Kindergarten! In der Personalführungstheorie ist "Mach, sonst...!!!" das allerunterste und allerschlechteste Führungsmodell, eigentlich nur geeignet für Diktaturen, Autokratien und Firmen zu Zeiten des Raubtierkapitalismus. Und jetzt stellt sich raus, dass wir diese Pandemie (die im Vergleich zu dem 2012 für den Bundestag erstellten Bedrohungsszenario mit 8 Millionen Toten bundesweit noch relativ harmlos verläuft!) tatsächlich nur dadurch halbwegs in den Griff bekommen, indem wir in den Führungsstil von Sklavenhaltergesellschaften zurückfallen.


Nochmal mein Zitat von weiter oben:


"Ich würde mir wirklich so sehr wünschen, dass eine satte Mehrheit von uns Bürgerinnen und Bürgern jetzt der Politik beweist, dass man uns Vernunft nicht durch krasseste und teilweise völlig überzogene Verordnungen buchstäblich reinwürgen muss, sondern dass wir - entsprechende Aufklärung vorausgesetzt - durchaus selber dazu in der Lage sind, auf uns aufzupassen."


Dieser Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen! Daran sind wir letztendlich alle schuld. Und es wird trotz jetzt in Kraft getretenem Lockdown noch schlimmer. In meinem gesamten persönlichen Umfeld bekomme ich aktuell mit, wie selbst sich bisher vorbildlich verhaltende Leute nun wegen Weihnachten inkonsequent bis unvernünftig werden und behaupten, dass es nun mal einfach nicht geht, gerade dieses Fest ohne die Oma, ohne die Enkel, ohne die Kinder, ohne die Eltern, ohne den Lieblingsonkel, ohne die besten Freunde zu feiern. Millionen werden sich am 23. oder 24. Dezember auf den Weg machen, und nicht wenige werden der geliebten Oma, dem Onkel, der besten Freundin eine COVID-19-Infektion unter den Baum legen und hinterher bittere Tränen vergießen.


Dass an diesem Weihnachten in so einigen Fällen ein elender Tod oder ein langes Leiden mit Spätfolgen ausgerechnet an die geliebtesten Menschen verschenkt wird, ist in meinen Augen so sicher wie das Amen in der Kirche!


Ganz kühl unter epidemiologischen Gesichtspunkten gesehen werden wir an den Auswirkungen der kommenden Feiertage wahrscheinlich zu knapsen haben bis in den Sommer. Durchaus möglich, dass wir uns damit tatsächlich nochmal die für viele von uns so wichtige und eigentlich dringend notwendige Urlaubssaison versauen.


Damit jetzt ja niemand denkt, dass ich hier Wasser predige und selber Wein trinke: Weihnachten ist bei uns eigentlich immer ein Fest mit der Oma, mit unserer Tochter und mit unserem Schwiegersohn. Diesmal bleiben wir alle zu Hause, meine 88jährige Mutter ganz allein im Allgäu, Shenja und Roland in Frankfurt und wir hier in Ulm. Obwohl wir Schnelltests zur Verfügung haben, macht alles andere einfach keinen Sinn. Meine Frau und ich sind nun mal berufsbedingt durch die vielen Kundenkontakte einem sehr hohen Risiko ausgesetzt und deshalb gefährlich für andere. Auch unsere Freunde, mit denen wir sonst immer an einem der Feiertage zusammen kommen, sind als Humanmediziner mit Allgemeinpraxis ein echtes Risiko für alle Kontaktpersonen. Also lassen wir auch das dieses Jahr schön bleiben, obwohl es nach den geltenden Verordnungen eigentlich völlig legal wäre, sich zu treffen. Es geht aber nun mal nicht darum, was möglich, sondern darum, was vernünftig ist!


Es ist absolut nicht zynisch gemeint, wenn ich Ihnen trotzdem schöne Weihnachten wünsche, auch wenn es vielleicht einfach nur deshalb schön ist, weil man sich sicher sein kann, keinen geliebten Menschen anzustecken.


Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr


Ralph Rückert


 


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Römerstraße 71, 89077 Ulm


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