Ralph Rückert
Tierarzt und Blogger
Römerstraße 71
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Notdienst unter Personenschutz?

10.07.2021

Von Ralph Rückert, Tierarzt


Der Screenshot zeigt ein Posting, das die Tierklinik Berlin-Biesdorf kürzlich online gestellt hat. Was ich schon in dem Artikel "Maligne Kunden und was sie anrichten (Teil 2): Das schleichende Gift" vom Oktober 2020 vorhergesagt habe, wird damit bittere Realität: Die zunehmende und absolut indiskutable Übergriffigkeit und Aggressivität eines gewissen Kund:innen-Typus führt dazu, dass das sowieso gerade an allen Ecken und Enden knirschende Notdienst-System der Tiermedizin vollends in sich zusammenbricht, mit fatalen Folgen für die Mehrheit der Anständigen.


War die Motivation, mit Mühe und Not einen 24/7-Dienst aufrecht zu erhalten, angesichts von Tierbesitzer:innen mit völlig enthemmter Anspruchshaltung und einer immer mehr zunehmenden Bereitschaft zur Rüpelhaftigkeit, zum vorsätzlichen Auslösen von Shitstorms und zum freigiebigen Verteilen von Beleidigungen oder vernichtenden Bewertungen schon zuvor im steilen Sinkflug begriffen, so zerschellt sie endgültig am Boden der Tatsachen, wenn sich Kolleginnen und Kollegen im Notdienst noch nicht mal mehr ihrer körperlichen Unversehrtheit sicher sein können.

Bild zur Neuigkeit

Solche Vorkommnisse schlagen innerhalb unseres Berufs richtig hohe Wellen. In unseren berufsinternen Foren und Gruppen bringen viele von uns - trotz der weiterhin klar vorhandenen Motivation, Tieren in Not helfen zu wollen - echte Angst vor Bedrohungen bzw. verbalen oder gar körperlichen Angriffen im Notdienst zum Ausdruck und berichten von wirklich üblen und furchteinflößenden Situationen, die viel häufiger vorkommen als man denken würde.


Sagen Sie selbst: Was sollen wir jetzt machen? Sind wir nun tatsächlich so weit, dass wir Security-Leute engagieren müssten, damit die uns bei Nacht und am Wochenende in unseren Praxen und Kliniken beim Notdienst vor Übergriffen beschützen? Sollten wir uns bewaffnen, Panic Rooms und Alarmknöpfe installieren oder uns scharfe Hunde zulegen? Ich schreibe absichtlich "müssten" und "sollten", denn die Vorstellung ist natürlich absurd. Das wird nicht passieren. Eher werden immer mehr Praxen und Kliniken sich wegen berechtigter Sicherheitsbedenken aus dem Notdienst verabschieden. Bei einer Güterabwägung zwischen der Unversehrtheit von Menschen und der Gesundheit von Tieren werden die Vierbeiner nun mal immer den Kürzeren ziehen.


Da muss auch niemand ankommen und irgendwas von "moralischer Verpflichtung" erzählen! Dass es mal zu unserem Berufsbild gehören würde, sich im Notdienst vor Tierbesitzer:innen fürchten zu müssen, hat uns nie jemand gesagt. Das steht definitiv in keiner Jobbeschreibung, und das habe selbst ich mit meiner langjährigen Erfahrung und Abgebrühtheit nicht wirklich kommen sehen. Die letzten 16 Monate haben mir eines gezeigt: Da draußen laufen schockierenderweise an die 15 Prozent rücksichtslose und asoziale Grenzbekloppte rum, die letztendlich vor gar nichts mehr zurückschrecken, wenn irgendwas nicht haargenau so läuft, wie sie sich das vorstellen. Und wie es inzwischen aussieht, schaffen es diese 15 Prozent doch tatsächlich, für die restlichen 85 Prozent der Korrekten, der Vernünftigen, der Anständigen alles kaputt zu machen, was so lange Zeit funktioniert hat. Ich finde das wirklich zutiefst deprimierend, nicht zuletzt deshalb, weil mir dafür absolut keine Lösung einfallen will!


Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr


Ralph Rückert


 


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Römerstraße 71, 89077 Ulm


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