Ralph Rückert
Tierarzt und Blogger
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"Aber passen Sie gut auf meinen Liebling auf!" - Die Angst vor der Narkose

07.08.2021

Von Johanne Bernick, Tierärztin


Der obige Satz ist noch einer der netteren Ausdrücke der Sorge um das eigene Tier. Nicht selten bekommen wir das beim Einleiten der Narkose oder dem vorbereitenden Legen eines Venenverweilkatheters zu hören.


Um ganz ehrlich zu sein: Ich hasse diesen Satz! Er sorgt dafür, dass sich mir sprichwörtlich die Nackenhaare aufstellen und sich mein Magen verkrampft. Nicht, weil Sie etwas verschreien oder ich besonders abergläubisch bin, sondern weil ich in diesem Moment von einem fehlenden Vertrauen Ihrerseits ausgehen muss, und das im wahrhaft ungünstigsten Moment unserer Beziehung.

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Ich verstehe Ihre Sorge und die Angst vor dem Albtraum Narkosezwischenfall, denn auch wir gehen keinesfalls leichtfertig an eine bevorstehende Narkose heran, obwohl wir diese täglich mehrfach durchführen. Wir geben uns alle Mühe, das Narkoserisiko so gering wie möglich zu halten, und treffen alle Vorsichtsmaßnahmen, die angebracht sind. Die 2016 herausgegebenen Leitlinien der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft zur anästhesiologischen Versorgung bei Hund und Katze bestimmen unser Vorgehen! Die Tatsache, dass das Narkoserisiko bei Hund und Katze immer noch deutlich höher ist als in der Humanmedizin, nagt nach wie vor an uns, und wir geben jeden Tag unsere 100 Prozent, um einen Narkosezwischenfall strikt zu vermeiden. Die Checkliste der Association of Veterinary Anaesthesists von 2008 erfüllen wir in vollem Umfang (siehe auch Narkosen bei Hund und Katze: Der ausgelieferte Tierbesitzer?) und dennoch werden wir das Narkoserisiko niemals auf Null senken können!


Bei all Ihrer Sorge dürfen Sie eines nicht vergessen: Auch wir sind Menschen und auch an uns prallen solche Sätze nicht einfach ab. Sie begleiten uns bis zum vollständigen Erwachen des Patienten und rauben mit Sicherheit auch einen Teil unserer Aufmerksamkeit, egal mit welcher Kraft wir versuchen, dies zu verhindern. Natürlich können Sie jetzt sagen "So professionell sollten Sie aber sein!". Professionalität hin oder her, das, was wir letztendlich brauchen, ist Ihr Vertrauen! Dieses Vertrauen haben wir uns in den allermeisten Fällen durch die langfristige Betreuung Ihres Lieblings und durch eine ausgiebige und vollständig transparente Aufklärung erarbeitet.


Dieses Vertrauen dürfen und sollten Sie definitiv VOR solchen wichtigen Ereignissen in Frage stellen. Haben Sie jedoch Ihre Entscheidung getroffen, gewissermaßen das Leben Ihres Tieres in unsere Hände zu legen, dann seien Sie bitte so besonnen und verzichten auf weitere Kommentare, die das Vertrauensverhältnis dermaßen in Frage stellen und zu einer Verunsicherung des Teams führen! Keiner verlangt, dass Sie abgeklärt, emotionslos oder gar gleichgültig sind. Denn seien Sie sich sicher: Wir sind es auch nicht!


Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihre


Johanne Bernick


P.S. von Ralph Rückert: Im Gegensatz zu Johanne bin ICH sehr wohl abergläubisch! Bis heute habe ich in Prüfungssituationen das kleine Gummi-Glücksschweinchen dabei, das mir meine Frau schon während des Studiums geschenkt hat. Wie viele alte Praktiker:innen bin ich (natürlich nur rein gefühlt und ohne jeden echten statistischen Beleg) der Überzeugung, dass der von Johanne besprochene Satz in all seinen möglichen Varianten tatsächlich eine höhere Wahrscheinlichkeit für einen Narkosezwischenfall nach sich zieht, also irgendwie die Qualität eines Fluches hat. Deshalb zucke ich auch nach 32 Jahren praktischer Tätigkeit und zehntausenden von Narkosen immer noch innerlich zusammen, wenn jemand sowas sagt. In meinem Kopf kommt dann sofort: Verdammt und zugenäht, musste das jetzt sein? Nach außen hin versichere ich Ihnen ganz cool, dass wir natürlich Ihr Tier nicht anders in Narkose legen als unsere eigenen, was ja auch voll und ganz der Wahrheit entspricht. Fragen Sie sich bitte selbst: Glauben Sie wirklich, dass wir Ihr Tier aufgrund so einer schnell hingeworfenen Aufforderung irgendwie anders und sorgfältiger behandeln würden, als wir es sowieso vorhatten? Nicht wirklich, oder?


Ach ja, eines noch: Selber haben wir das in so extremer Form noch nie erlebt, aber neulich wurde einer Kollegin während der Narkoseeinleitung gesagt: "Wenn dem was passiert, haben wir Krieg!". Die Kollegin fragte in einer Fachgruppe, wie wir auf so eine Drohung reagieren würden. Meine Antwort ist ganz einfach: Absolut inakzeptabel! Ich würde die Beziehung zu dieser Kundin / diesem Kunden für alle Zeiten beenden!


 


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Römerstraße 71, 89077 Ulm


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