Ralph Rückert
Tierarzt und Blogger
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Alte Männer, alte Rüden - Die Prostata lässt grüßen!

10.02.2022

Von Johanne Bernick, Tierärztin


Nicht umsonst ist die Prostata für Rüden und Männer gleichermaßen ein sensibles Thema. Sie sitzt tief im Becken und kann nur durch eine rektale Untersuchung oder aber durch eine Ultraschalluntersuchung dargestellt werden. Sie dient bei allen Säugetieren als akzessorische Geschlechtsdrüse der Produktion von Spermaflüssigkeit und der Kanalumschaltung von Blasenentleerung und Ejakulation.


Wie älteren Männern bleibt auch unseren Rüden ab einem gewissen Alter oder bei entsprechenden Symptomen eine meist als unangenehm wahrgenommene rektale Untersuchung nicht erspart. Ein erfahrener Tierarzt lehrte mich in einem meiner Praktika während des Studiums einen Satz, der sich mir tatsächlich eingebrannt hat: "Es gibt nur zwei Gründe, keine rektale Untersuchung der Prostata zu machen: Entweder es gibt keinen Finger oder keinen Po!". Da wir TierärztInnen (nicht immer alle, aber zumindest einige) Finger und unsere Patienten zu 99,99 Prozent einen Po haben, führt wohl kein Weg daran vorbei. Die rektale Untersuchung der Prostata läuft so ab, dass ein behandschuhter Finger, mit etwas Gleitgel versehen, rektal eingeführt wird. Dabei haben wir definitiv nicht nur das Ziel, die Prostata identifizieren zu können, sondern wir achten auch auf den Füllungszustand der Analbeutel, auf Umfangsvermehrungen im Enddarm oder gar Schmerzhaftigkeiten. Die Prostata wird (mit einem normal langen Zeigefinger) nur am hinteren Pol erreicht, wenn sie in Form und Größe nicht abweicht. Und da wären wir schon am Ziel: Wir wollen am liebsten eine gerade noch erreichbare Prostata mit der Fingerspitze ertasten, die symmetrisch und bei mäßigem Druck nicht schmerzhaft erscheint!

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Die Größe der Prostata hängt unter anderem vom Hormonstatus der Rüden ab. Früh kastrierte oder junge Rüden haben meist eine sehr kleine Prostata. Je älter und größer Ihr unkastrierter Rüde ist, desto größer ist im Durchschnitt auch seine Prostata. Anzeichen krankhafter Veränderungen, bei denen spätestens alle Alarmglocken klingeln sollten, wären zum Beispiel ein veränderter Kotabsatz (dünner, vielleicht sogar plattgedrückter Kot - Typ Bandnudel oder Spaghetti), verstärktes Pressen auf Kot (Tenesmus), Bluttröpfeln aus der Harnröhre unabhängig vom Urinabsatz, Pressen auf Urin und wiederkehrende Infektionen des Harntrakt in Form einer Blasenentzündung. Ebenso können relativ unspezifische Symptome wie Fieber, Unwohlsein, Schmerzen im hinteren Bauchraum und Abweichungen im Gangbild auftreten.


Stellen wir bei der rektalen Untersuchung eine vergrößerte und/oder asymmetrische Prostata fest, die gegebenenfalls sogar schmerzhaft ist, werden wir zügig zur weiteren Diagnostik schreiten. Dies ist in den allermeisten Fällen ein Ultraschall des gesamten Bauchraums inklusive der Prostata. Diese Untersuchung empfehlen wir allen BesitzerInnen ab dem 7. Lebensjahres ihres Rüden. Im Ultraschall lassen sich Größe und Form sowie die strukturelle Beschaffenheit des Prostatagewebes beurteilen. Weitere diagnostische Schritte sind wie immer sehr von den bis dahin erhobenen Befunden abhängig und können nicht verallgemeinert werden. Die ultraschallgestützte Punktion (FNA - Feinnadelaspiration) der Prostata kann neben der weniger häufig durchgeführten Kathetersaugbiopsie genutzt werden, um die strukturellen Veränderungen genauer benennen zu können. In beiden Fällen werden Prostatazellen gewonnen, die für eine anschließende histologische Befundung genutzt werden.


Längst nicht immer muss man vom Schlimmsten ausgehen. Die benigne Prostatahyperplasie (abk. BPH - gutartige Vergrößerung der Prostata) ist sogar die häufigste Prostataerkrankung beim Hund (57%). Wie eingangs erwähnt wird die Größe der Prostata maßgeblich von der androgenen Stimulation (vor allem durch Testosteron) bestimmt. Häufig hat der Rüde keinerlei Probleme und es handelt sich um einen Zufallsbefund bei der rektalen Palpation oder dem vorsorglichen Ultraschall des Bauchraums. Beweisend ist jedoch nur die Biopsieentnahme und Bestätigung durch den Histopathologen. Wo keine Probleme sind, muss auch nicht behandelt werden! Jedoch sollten regelmäßige Nachkontrollen per Ultraschall stattfinden, um eine weitere Veränderung frühzeitig zu erkennen.


Bei klinischen Symptomen können sogenannte Antiandrogene zu einer Rückbildung des Prostatagewebes führen. Eingesetzt werden hier Medikamente, die teilweise ganz ordentliche Nebenwirkungen haben können. Sehr bekannt ist beispielsweise Ypozane (Wirkstoff Osateron), welches die Aufnahme von Testosteron in die Prostatazellen und so auch die Bildung neuer Prostatazellen hemmt. Der gleiche Effekt tritt auch durch den Einsatz eines Suprelorin-Implantats ("Kastrationschip") und durch die Kastration ein. Der Wirkungseintritt der Kastration und von Ypozane erfolgt zeitnah, während es bei einem Suprelorin-Implantat zu einer angesichts akuter Beschwerden inakzeptablen Verzögerung kommen kann. Wie der therapeutische Weg aussieht, muss individuell unter Berücksichtigung aller Befunde entschieden werden!


Wie jedes Organ kann sich auch die Prostata entzünden. Wir sprechen in diesem Fall von einer Prostatitis, die sogar zur Abszessbildung führen kann. Bakterien können durch die Harnröhre aufsteigen und es sich in der Prostata bequem machen. Genauso gut kann eine Infektion über den Blutweg (also hämatogen) geschehen. Eine Prostatis ist schmerzhaft und kann, wie jede Infektion, zu Fieber und reduziertem Allgemeinbefinden führen.  Richtig schwere Fälle mit Abszessbildung sind sogar lebensbedrohlich. Je nach Ausmaß wird auch hier eine Punktion erfolgen, die schlimmstenfalls in eine echte Bauch-OP münden kann. In jedem Fall lohnt sich die histologische sowie bakteriologische Untersuchung gewonnener Zellen, um das optimale Antibiotikum verwenden zu können. Im Gegensatz zur akuten kann auch eine chronische Prostatitis vorliegen. Bei der chronischen Prostatitis wird der Rüde meist wegen wiederkehrender Infektionen des Harntrakt vorgestellt.


Die Bekämpfung einer bakteriellen Infektion der Prostata ist kein Kinderspiel! Durch die Blut-Prostata-Schranke gelangen viele Medikamente nur schlecht oder in zu geringer Konzentration ins Prostatagewebe. Eine mehrwöchige antibiotische Behandlung sollte erst nach einer erneuten Untersuchung von Urin und Prostatagewebe beendet werden. Eine Nachkontrolle nach mehreren Monaten ist ebenso zu empfehlen!


Weg von der Entzündung, hin zu den Zysten! Zysten, also Hohlräume, die in diesem Fall meist mit Flüssigkeit gefüllt sind, kommen in unterschiedlichster Form vor. Allgemein lassen sich Zysten im Prostatagewebe (intraprostatische Zysten oder auch Parenchymzysten) und Zysten, die außerhalb des eigentlichen Prostataparenchyms liegen (paraprostatische Zysten), unterscheiden. Die Ursachen solcher Zysten sind vielfältig und können häufig nicht vollständig geklärt werden. Sie können im Rahmen einer benignen Prostatahyperplasie (BPH) vorkommen oder aber auch Teil eines tumorösen Geschehens sein. Je nach Lage und Ausprägung kann neben einer medikamentösen Therapie auch die chirurgische Intervention notwendig werden.


Paraprostatische Zysten können enorme Ausmaße annehmen und sogar die Größe der gefüllten Harnblase locker überschreiten. Das oben abgebildete Ultraschallbild zeigt die Harnblase (unten) neben einer großlumigen Prostatazyste. Der betroffene Hund zeigte keinerlei klinische Auffälligkeiten, die auf eine Erkrankung der Prostata schließen ließen. Da bei solch einer Zyste jedoch immer die Gefahr einer Rupturierung (Aufreißen der dünnen Zystenwand) und das Entstehen klinischer Symptome im weiteren Verlauf besteht, sollten Zysten dieser Größe chirurgisch entfernt werden. In diesem Schritt gehört auch die Kastration zur Therapie, da das in den Hoden produzierte Testosteron eine erneute Bildung solcher Zysten ermöglicht.


Wenig überraschend kann es mit zunehmendem Alter auch zum Auftreten von bösartigen Prostatatumoren kommen! Neben den selteneren Übergangsepithel- und Plattenepithelkarzinomen treten Prostataadenokarzinome beim Rüden (mit einem mittlerem Alter von 10 Jahren) am häufigsten auf. Sie können in die regionalen Lymphknoten, in das knöcherne Becken und in die Lendenwirbelsäule metastasieren. Erstaunlich, vor allem im Vergleich zum Menschen: Prostatakarzinome treten bei kastrierten Rüden signifikant häufiger auf als bei unkastrierten! Insgesamt sind die Prostataveränderungen kastrierter Rüden sehr viel häufiger tumorös. Dies beruht auf einer unterschiedlichen Rezeptorenanlage für Geschlechtshormone als beim Menschen.


Neben den bereits aufgeführten Symptomen wie der Schmerzhaftigkeit kann eine Gewichtsreduktion hinweisend sein. Die Prostata ist im Allgemeinen nicht übermäßig vergrößert oder kann sogar kleiner und härter sein. Asymmetrien sind manchmal bei der rektalen Untersuchung, aber spätestens im Ultraschall sichtbar. Ein Rüde, der vor geraumer Zeit kastriert wurde und eine relativ große Prostata aufweist, ist per se verdächtig! Auch hier wird in der Regel der Histopathologe Licht ins Dunkle bringen und nach mikroskopischer Auswertung der mittels FNA oder Saugbiopsie gewonnen Zellen eine Diagnose stellen können.


Hormontherapien, Chemotherapien, chirurgische Entfernung von Prostatagewebe sowie Strahlentherapie waren bisher weitestgehend erfolglos, was die Besserung der Lebensqualität oder die Überlebensdauer betrifft. Hingegen kann der - natürlich nur hinhaltende - Einsatz eines entzündungshemmenden Schmerzmittels (zum Beispiel Piroxicam) eine Verbesserung mit sich bringen. Eine Kastration hat aufgrund des vermehrten Auftretens bei bereits kastrierten Rüden keine therapeutische Bedeutung. Ebenso ist der Einsatz von Antiandrogenen (z.B. Ypozane, siehe oben) nicht zielführend, so dass die Prognose für Rüden mit bösartigen Prostatatumoren leider recht mau ausfällt.


Take home: Prostataveränderungen - auch die gutartigen! - können schleichend und anfangs unerkannt ein stark lebensqualitätseinschränkendes Ausmaß annehmen, weshalb regelmäßige Untersuchungen dieses eher stiefmütterlich behandelten Organs beim langsam älter werdenden Rüden von ganz entscheidender Bedeutung sind!


Ach ja, was ist denn mit den alten Katern? Gute Nachrichten: Die haben so gut wie überhaupt nie Probleme mit ihrer Prostata! Hier gilt mal wieder: Katzen sind halt keine kleinen Hunde!


Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihre


Johanne Bernick


 


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Römerstraße 71, 89077 Ulm


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