Ralph Rückert
Tierarzt und Blogger
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Erschreckende Zahlen - Unsere Haustiere als Jagdopfer

09.02.2014
Von Ralph Rückert, Tierarzt

Im Januar hat der Tierschutzbund die aktuellen, von den zuständigen Landesministerien und Jagdverbänden ermittelten Zahlen zu von Jägern erschossenen Katzen und Hunden veröffentlicht. Lediglich Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und das Saarland führen hierzu Statistiken. In den letzten 6 Jahren wurden in diesen Bundesländern mehr als 100.000 Katzen und über 700 Hunde von Jägern geschossen.
Eine bundesweite Erfassung der Abschusszahlen von Haustieren gibt es nicht. Gehen wir aber davon aus, dass die genannten Bundesländer nach meiner Rechnung einen Flächenanteil von ca. 20 Prozent des Bundesgebietes repräsentieren, ergibt sich, dass in den letzten 6 Jahren in Deutschland mindestens eine halbe Million Katzen und 3500 Hunde abgeschossen wurden. Das sind aber nur die gemeldeten Fälle. Da sicherlich bei vielen, evtl. sogar der Mehrzahl der Abschüsse nach dem unter Jägern so genannten Motto der drei S (Schießen, Spaten, Schnauze halten) verfahren wird, dürften die wirklichen Opferzahlen bei weitem höher liegen.

Ohne es belegen zu können (wie auch?), nur aus persönlicher Lebenserfahrung und Einschätzung der menschlichen Natur, würde ich davon ausgehen, dass die realen Abschusszahlen mindestens doppelt so hoch sind. Damit wäre nicht etwa der Verkehr, durch den im Jahr geschätzte 70.000 Katzen und Hunde ums Leben kommen, sondern die Jägerschaft die bei weitem größte Gefahr für unsere Haustiere.

Ich bin der Meinung, dass das so nicht weitergehen kann. Die Jagdgesetzgebung muss an die heutigen Gegebenheiten angepasst werden. Bis in die höchsten gerichtlichen Instanzen wird inzwischen anerkannt, dass ein Haustier mehr ist als nur eine Sache. Für die meisten Hunde- und Katzenhalter ist ihr Tier ein Familienmitglied, dessen emotionaler Stellenwert durch diverse gesellschaftliche Entwicklungen (Stichworte: Single-Haushalte, sinkende Geburtenzahlen, Überalterung, Vereinsamung) in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommen hat. Es ist unerträglich, dass Hunderttausende von Familientieren mit fadenscheinigsten Begründungen bei jeder sich bietenden Gelegenheit einfach über den Haufen geschossen werden. Ein letzten Endes aus Feudalzeiten stammendes Jagdrecht hat diesen Tatsachen endlich auch Rechnung zu tragen. Es kann nicht angehen, dass sowohl Tierhalter als auch Tierarzt jederzeit darauf vorbereitet sein müssen, den vom Tierschutzgesetz geforderten „vernünftigen Grund“ für die Einschläferung eines Tieres zur Not auch vor Gericht zu rechtfertigen, während ein Jäger nur einer Katze ansichtig werden muss, um sie einfach abknallen zu dürfen. Als Tierarzt, dessen Berufung es ist, das Leben von Familientieren mit teilweise enormem Aufwand zu retten, zu verbessern und zu verlängern, bekomme ich bei diesem Thema regelmäßig einen dicken Hals.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass es dankenswerterweise Jäger und sogar einen von ihnen gegründeten Jagdverband gibt, die den Abschuss von Haustieren für unsinnig und verwerflich halten. Es wäre schön, wenn sich möglichst alle Jäger daran ein Beispiel nehmen würden. Andernfalls machen die ständigen larmoyanten Klagen über das schlechte Image der Jägerschaft nicht viel Sinn. Gehe ich ganz nüchtern nur von den geradezu haarsträubenden Zahlen der Statistik aus, bleibt mir als Tierhalter und Normalbürger nur der Schluss, dass es sich bei Jägern entgegen aller anders lautenden Versicherungen in der überwiegenden Mehrzahl um einen schießwütigen Haufen mit einer pathologischen Freude am Töten handeln muss. Ich kann unter Mobilisierung aller meiner Reserven an Toleranz gerade noch damit umgehen, dass es Menschen gibt, die das Töten von anderen Lebewesen als Hobby oder gar als Leidenschaft betreiben. Erstreckt sich aber diese „Passion“ auch auf Mitglieder meiner Familie, ist es mit jeglichem Verständnis vorbei.

Wir Tierhalter sollten uns gefordert sehen, jeden neuen Anlauf zur Änderung der Jagdgesetzgebung aktiv zu unterstützen, der die längst fällige Abschaffung der Abschusserlaubnis für Haustiere zum Ziel hat. Bis dieses Ziel erreicht ist, können wir nur gut auf unsere Hausgenossen aufpassen (schwierig bis unmöglich bei Katzen) und zugleich an die Jägerschaft appellieren, nicht auf unsere Katzen und Hunde zu schießen. Der Verlust eines Haustieres verursacht immer großes Leid bei der betroffenen Familie. Es unter solchen Umständen zu verlieren, ist annähernd unerträglich!

Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr

Ralph Rückert



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