Ralph Rückert
Tierarzt und Blogger
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Allgemeine und Eingehende Untersuchung: Dreh- und Angelpunkt der Tiermedizin

17.12.2014
Von Ralph Rückert, Tierarzt

Aus einem Internet-Forum: "Freitag musste ich direkt wegen Impfung zum Tierarzt. Gestern Abend hab ich mir erstmals die Rechnung angeschaut und bin irgendwie stutzig geworden: Zunächst ist dort "Allgemeine Untersuchung mit Beratung" aufgeführt. Ist ja auch okay. Ich denke, dass es üblich und auch positiv ist, dass sich der Tierarzt vor der Impfung ein Bild vom Gesundheitszustand des Hundes macht (Kontrolle der Zähne, Augen, Ohren). Weiter unten steht allerdings noch mal "eingehende Untersuchung einzelner Organe" - was soll das bitte sein? Das Abhören des Hundes oder wie? Hätte jetzt gedacht, dass das auch zur allgemeinen Untersuchung gehört, wenn er das Hundchen mal kurz an Herz und Lunge abhört. Und damit meine ich wirklich kurz (so 10 - 20 Sekunden) und das ist für mich auch nicht "eingehend"! Und dafür berechnet der 9,88 Euro netto extra?"

Nichts, wirklich nichts, ist für korrektes tiermedizinisches Vorgehen so wichtig wie die Allgemeine (AU) und die Eingehende Untersuchung (EU). Und nichts, wirklich nichts, wird von vielen Kunden geringer geschätzt als diese beiden Tätigkeiten. Und nichts, wirklich nichts, könnte falscher sein!
Aus der eigenen Praxis, mehr als einmal gehört: "Waaas, die Spritze kostet 54,90 Euro?" Nein, die Spritze kostet keine 54,90 Euro, sondern die Allgemeine Untersuchung inkl. Erhebung des Vorberichts und Beratung, plus die Injektion, plus dem, was in der Spritze drin war, das alles zusammen kostet 54,90 Euro. Oder andersrum gesagt: Eine Spritze verabreichen kann jeder. Rausfinden, was dem Patienten fehlt, was dagegen getan werden muss, was für ein Medikament in welcher Dosierung der Patient bekommen soll, was dabei an Wechsel- und Nebenwirkungen zu beachten ist, das kann nur ein Arzt. Kurz: Sie bezahlen in diesem Beispiel nicht in erster Linie für die eine Spritze, Sie bezahlen für mein in sechs Jahren Studium und 25 Jahren praktischer Tätigkeit erworbenes Wissen, das es mir ermöglicht, bei einem nicht der Sprache mächtigen Patienten herauszufinden, was für ein Problem vorliegt und wie dieses zu beheben ist.

Sie alle haben mich schon dabei beobachtet, wie ich Ihr Tier untersuche. Ich gehe aber davon aus, dass Ihnen nicht klar ist bzw. nicht klar sein kann, welche Menge an Daten und Befunden ich dabei in kürzester Zeit erhebe und verarbeite. Lassen Sie uns doch mal am Beispiel eines Hundes eine AU nach meinem Untersuchungsschema gemeinsam durchgehen:

Los geht’s oft schon, bevor Sie und Ihr Hund überhaupt das Sprechzimmer betreten. Wenn ich beispielsweise aus dem Terminkalender weiß, dass Sie wegen einer Lahmheit oder sonstigen Bewegungsstörung zu mir kommen, stehe ich oft in der Tür zum Sprechzimmer und beobachte den Hund auf seinem Weg auf mich zu und beim Überwinden der kleinen Stufe. Bei einem mir bekannten Tier nehme ich wahr, ob es sich wie immer verhält, bei einem Neupatienten erfolgt eine erste Beurteilung von „Haltung und Verhalten“, wie dieser Punkt der AU genannt wird. Weiterhin registriere ich in diesen ersten Momenten den PZ (Pflegezustand), den EZ (Ernährungszustand) und das sogenannte Signalement (auf gut Deutsch: Ist das überhaupt das Tier, das ich erwarte und dessen Karteikarte rausgelegt ist?). Diese Beobachtung des Hundes setzt sich im Sprechzimmer weiter fort, was der Grund dafür ist, dass ich in der Regel nicht möchte, dass das Tier sofort auf den Tisch gesetzt wird.

Als nächstes werde ich normalerweise Sie als Besitzer fragen, was Sie zu mir führt, was meistens in ein mehr oder weniger intensives Frage-Antwort-Spiel mündet. Dabei handelt es sich um die Erhebung des Vorberichts, der Anamnese. Dieser eine Punkt der AU ist in der Medizin so bedeutsam, dass darüber schon ganze Lehrbücher geschrieben worden sind, und auch ich ohne jede Mühe einen ganzen Artikel darüber verfassen könnte (hm, werde ich vielleicht in nächster Zeit sogar machen). Gerade bei einem Patienten, der nicht für sich selbst sprechen kann, hat die Vorgeschichte eine gar nicht hoch genug einzuschätzende Bedeutung.

So, erst jetzt geht es mit dem Patienten selbst weiter:

-Sie sehen: Der Tierarzt starrt Ihrem Hund in die Augen, zieht die Lider rauf und runter und lässt durch Druck auf den Augapfel das dritte Augenlid (die Nickhaut) vorfallen.
Ich nehme dabei wahr: Farbe der Bindehäute und der Skleren (Augenweiß), Füllung der Skleralgefäße, Zustand der Cornea (Augenhornhaut), der Iris und eventuelle Trübungen der Augenlinse, Symmetrie der Pupillenöffnung, Zustand der Augenumgebung, Augenreflexe.

-Sie sehen: Der Tierarzt zieht die Lefzen hoch und nach hinten, beäugt die Zähne, sperrt eventuell auch das Maul kurz ganz auf, schaut in die Ohren und riecht an ihnen.
Ich nehme wahr: Farbe der Mundschleimhäute, Kapillare Füllungszeit (zur groben Einschätzung des Blutdruckes), Zustand der Zähne (Abnutzung, Zahnsteinansatz, Zahnschäden), Zustand des Zahnhalteapparates (Parodont), Aussehen der Zunge und des sichtbaren Rachens inklusive der Tonsillen (Mandeln). Weiterhin werfe ich in diesem Rahmen auch einen Blick auf die Nase und registriere den Zustand des Nasenspiegels und eventuellen Ausfluss. Gerade am Kopf kommt noch dazu, dass ich nicht nur sehen und fühlen, sondern auch riechen kann. Ohren-, Nasen- und Mundhöhlenerkrankungen verraten sich oft schon allein durch den Geruch. Das ganze „Gefummel“ am Kopf gibt mir ganz nebenbei noch Aufschluss über einige der wichtigen Hirnnervenreflexe.

-Sie sehen: Der Tierarzt streichelt über bzw. betastet den Kopf, den Hals und verschiedene andere Körperregionen.
Ich nehme wahr: Die tastbaren Lymphknoten, Schwellungen, Asymmetrien, Zustand von Fell und Haut. Gleichzeitig halte ich den für mich wichtigen Körperkontakt zum Patienten.

-Sie sehen: Der Tierarzt hört mit dem Stethoskop den Brustkorb des Hundes von beiden Seiten ab und fasst dabei eventuell mit einer Hand in die Leistenbeuge.
Ich nehme wahr: Frequenz, Rhythmus und Qualität des Herzschlages und des Pulses (in der Leistenbeuge), eventuelle krankhafte Herznebengeräusche. Ebenso Frequenz, Rhythmus und Qualität der Atmung und eventuelle krankhafte Atemgeräusche. Sind Herzklappen schadhaft, kann ab einer gewissen Körpergröße festgestellt werden, welche Klappen betroffen sind.

-Sie sehen: Der Tierarzt stellt sich hinter den Hund und betastet mit beiden Händen den Bauchbereich.
Ich nehme wahr (von vorne nach hinten): Abhängig vom Körperbau des Hundes Teile der Leber, den Magen, fast alle Darmabschnitte, meist beide Nieren, die Milz, die Harnblase und beim weiblichen Tier eventuell die Gebärmutter. Darüber hinaus natürlich krankhafte Veränderungen wie Umfangsvermehrungen, Fremdkörper oder Schmerzhaftigkeiten.

-Sie sehen: Der Tierarzt hebt den Schwanz des Hundes, inspiziert die Anogenitalregion und misst die rektale Körpertemperatur.
Ich nehme wahr: Zustand und eventuelle Veränderungen der anatomisch komplizierten Analregion inklusive der Analdrüsen, eventuell Größe, Form und Zustand der äußeren Geschlechtsorgane. Die Messung der Körpertemperatur ist bei Tieren mit ihrer fehlenden Kommunikationsmöglichkeit häufig besonders wichtig.

So, damit wären wir mit meiner Allgemeinen Untersuchung durch. Allerdings herrscht in der tiermedizinischen Literatur keine echte Einigkeit darüber, was genau Bestandteil der AU im Sinne der Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) sein sollte. In einem Punkt gehe ich aber sicher über den normalen Umfang hinaus, und zwar beim Abhören des Brustraumes mit dem Stethoskop. Diese Untersuchungstechnik gehört eigentlich zu den Eingehenden Untersuchungen. Im Prinzip kann man sagen, dass jedes medizinische Gerät, das über eine Lichtquelle und ein Fieberthermometer hinaus zur Anwendung kommt, eine Eingehende Untersuchung darstellt. Der Kollege aus dem Forumszitat in der Einleitung war also völlig im Recht, als er die Auskultation (das Abhören) von Herz und Lunge in dieser Form abgerechnet hat. Zielsetzung der AU ist zum einen die Eingrenzung des eigentlichen Problembereiches, zum anderen die Absicherung, dass sich hinter eigentlich offensichtlich scheinenden Beschwerden keine systemische Erkrankung verbirgt. Ein Beispiel: Lungentumore können schwere Lahmheiten auslösen. Wenn man da nur die Beine sieht, macht man einen Fehler.

Ist durch die AU erstmal das erkrankte Organsystem ermittelt, schlägt die Stunde der Eingehenden Untersuchung, bei der sehr häufig diagnostische Geräte wie Ophthalmoskop (zur Untersuchung der Augen), Otoskop (Ohren) und Stethoskop (zum Abhören) eingesetzt werden. Aber auch das detaillierte Durchtasten der Gesäugeleiste bei der Hündin, die Inaugenscheinnahme eines auffälligen Zahnes oder eine rektale Untersuchung sind EUs. Manchmal bleibt die EU auch allein, wird also nicht von der AU begleitet. Wenn Ihr Tier sich zum Beispiel eine Kralle abgerissen hat, wird man deswegen sicher nicht alle anderen Organsysteme auf Probleme abklopfen.

Wie schon aus dem Titel des Artikels ersichtlich, halte ich die Allgemeine und die Eingehende Untersuchung für Dreh- und Angelpunkte der Tiermedizin. So banal das für Sie als Tierbesitzer rüberkommen mag: In der körperlichen Untersuchung des Patienten unter Zuhilfenahme aller Sinnesleistungen kristallisieren sich mühsam erworbenes Wissen und Jahre oder Jahrzehnte an Erfahrung zu der Fähigkeit, anhand der ermittelten Befunde aus ca. 14000 bekannten Krankheiten sofort eine Diagnose herauszufischen oder zumindest einen Verdacht zu schöpfen, der dann durch weitergehende Diagnostik (Labor, Röntgen, Ultraschall, etc.) erhärtet werden muss. Ein guter Tierarzt (Arzt, Zahnarzt) wird immer daran zu erkennen sein, dass er sehr sorgfältig untersucht und die ermittelten Befunde ebenso sorgfältig dokumentiert. Das kostet Zeit, weshalb diese Tätigkeiten bei guten Tierärzten in der Regel nicht im Sonderangebot zu haben sind.

Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr

Ralph Rückert


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Bei den Quellen 16, 89077 Ulm / Söflingen

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