Ralph Rückert
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Das Kaninchen: Ein schwieriges Haustier

21.02.2015

Von Ralph Rückert, Tierarzt


Kaninchen sind flauschig und süß, sie lassen Kinderherzen höher schlagen. Und da sie in den Zoomärkten für sehr wenig Geld zu haben sind, lassen sich Eltern gern mal breitschlagen. Spontan und ohne sich vorab zu informieren wird so eine kleine Fellkugel gekauft, denn jeder weiß: Kaninchen sind anspruchslose und einfach zu haltende Haustiere. Nur: Das stimmt leider nicht! Ich halte das Kaninchen für eines der schwierigsten Haustiere überhaupt. Mir fällt kein anderes populäres Haustier ein, das so häufig unter falschen Haltungsbedingungen und den daraus resultierenden Folgen zu leiden hätte.

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Das beginnt gleich mit der Forderung, dass Kaninchen nicht allein bleiben, sondern mindestens zu zweit leben sollen. Dazu gehört aber zwangsläufig die Kastration, denn sonst gibt es sehr schnell Nachwuchs oder - im Fall von zwei männlichen Tieren - Kämpfe mit teilweise üblen Verletzungen. Kastriert werden sollten nicht nur die Männchen, sondern auch die Weibchen, da diese sonst periodisch ausgesprochen übellaunig und streitsüchtig werden und zudem in höherem Alter sehr zu bösartigen Tumoren der Fortpflanzungsorgane neigen. Für viele Spontankäufer ist dies bereits ein Aufwand, mit dem sie nie und nimmer gerechnet hätten.


Bis dann alles soweit gerichtet ist – Kaninchen zu zweit, kastriert, geimpft (ja, das auch noch!), Unterbringung artgerecht und sauber – verlieren die Kinder das Interesse an den Tieren. Das kann ihnen keineswegs vorgeworfen werden. Kaninchen in artgerechter Haltung sind oft nicht übermäßig am Kontakt zum Menschen interessiert. Auf gar keinen Fall erfüllen sie kindliche Erwartungen an ein ideales Kuscheltier, ganz im Gegenteil. Sie neigen zum Strampeln und Kratzen und sind zudem auch noch mit recht zerbrechlichen Knochen ausgestattet.


Somit liegt die ganze Verantwortung für die Haltung dieser Haustiere bei den Erwachsenen. Und auch dabei stellt sich heraus, dass das alles gar nicht so einfach ist. Wird der Stall nicht peinlichst sauber gehalten, können Kaninchen im Sommer sehr schnell von Fliegenmaden befallen werden. Dies besonders dann, wenn die Tiere mangels elementarster Grundkenntnisse viel zu energiereich gefüttert werden, dadurch allmählich so verfetten, dass sie nicht mehr zur selbständigen Reinigung des Anogenitalbereichs in der Lage sind, und darüber hinaus auch noch ständig unter zu weichem Kot leiden. Der Bewegungsbedarf des Kaninchens kann fast nicht überschätzt werden: Ist kein Auslauf im Garten oder wenigstens in der Wohnung möglich, sind Käfige von imposanter Größe für eine artgerechte Unterbringung unabdingbar. Auch perfekt gehaltene Kaninchen sind häufig Gast beim Tierarzt, denn als pflanzenfressende Fluchttiere sind sie Meister im Verstecken von Krankheitszeichen, weshalb gut informierte Kaninchenbesitzer schon bei der geringsten Befindensstörung mit gutem Grund medizinische Hilfe suchen.


Bewegungsmangel und unsachgemäße Fütterung sind dann neben der Genetik mitverantwortlich für das größte Problem der Kaninchenhaltung: Die Tiere entwickeln eine Fehlstellung der ständig nachwachsenden Zähne, die dauerhaft tiermedizinisches Eingreifen in regelmäßigen Zeitabständen erforderlich macht, da es sonst zum qualvollen Verhungern kommen würde. Ein heute gekauftes Kaninchen hat eine Chance von über 50 Prozent, im Laufe seines Lebens in dieser Weise zu erkranken, eine Tatsache, die von jedem Zoohändler und sogar den meisten Ratgeber-Büchern unterschlagen wird. Und das ist der Punkt, der Kaninchenhaltung zu einem Hobby für finanziell gut aufgestellte Menschen macht, denn diese dauerhaft notwendigen Korrekturen können sich für ein einziges Kaninchen durchaus auf 500 Euro und mehr pro Jahr belaufen. An dieser Stelle sei gleich noch erwähnt, dass Kaninchen erstaunlich lange leben. 10 Jahre sind absolut keine Seltenheit. Der Altersrekord in unserer Praxis liegt bei 13 Jahren.


Die Besitzer von Kaninchen, die schon längere Zeit wegen solcher Zahnprobleme in Behandlung sind, können ein Lied davon singen, dass diese Behandlungen in den letzten Jahren immer aufwändiger und teurer geworden sind. Treibt man sich im Internet in den einschlägigen Kaninchen-Foren herum, stößt man auf eine Diskrepanz: Einerseits wird den Tierärzten gerne vorgeworfen, dass sie in Bezug auf Kaninchen und andere kleine Heimtiere zu wenig sachkundig wären und sie diese Tierarten als Patienten nicht ernst nehmen würden, andererseits werden aber unablässig Tierarztkosten verglichen und die Adressen von möglichst billigen Praxen ausgetauscht. Diesbezüglich muss sich jeder Kaninchenhalter klar machen, dass Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten und Co. nicht regelmäßiger Bestandteil der Universitäts-Lehrpläne sind. Jegliche Sachkunde auf diesem Gebiet muss sich der Tierarzt in der postgradualen Ausbildung aus eigenem Entschluss aneignen. Der Erwerb von Sachkunde kostet Zeit und Geld, stellt also aus unternehmerischer Sicht eine Investition dar, die sich amortisieren muss. Daraus folgt, dass ein für Kaninchen, Meerschweinchen und andere Heimtiere wirklich sachkundiger Tierarzt keinesfalls für Minimalgebühren arbeiten kann. Deshalb werden die Halter akzeptieren müssen, dass mit dem Ernstnehmen Ihrer Tiere als Patienten auch Kosten verbunden sind, die mit denen bei Hund und Katze vergleichbar sein müssen. Eine Praxisstunde ist eine Praxisstunde, egal für welche Tierart sie aufgewendet wird.


Dazu kommt - gerade durch die von den Besitzern geforderte vermehrte Auseinandersetzung mit den spezifischen Problemen der jeweiligen Tierarten - ein stürmischer Erkenntnisgewinn bezüglich des korrekten diagnostischen und therapeutischen Vorgehens. Als Beispiel können uns die Veränderungen in der Zahnbehandlung des Kaninchens dienen. Noch vor zehn Jahren hat man (wenn das Problem nicht von vornherein ignoriert wurde) dem Kaninchen ins Maul geschaut und eventuelle Zahnhaken und andere Fehlstellungsfolgen mit Zwickzange und Handraspel beseitigt. Ebenso wurden falsch stehende Schneidezähne routinemäßig mit der Zange abgezwickt. Vor einiger Zeit dann erkannte man, dass sich 80 Prozent der Probleme bei Zahnfehlstellungen unter der Oberfläche abspielen und nur durch Röntgenaufnahmen ermittelt werden können. Auch wurde klar, dass das Abzwicken mit Zangen zu schrecklichen Zahnschäden (Längsrisse!) führen kann bzw. muss, aus denen sich fast immer ein Kieferabszess entwickelt. Seitdem werden Schneidezähne nur noch schonend mit der Trennscheibe gekürzt und bei neuen Zahnpatienten gleich mal Übersichtsröntgenaufnahmen angefertigt. Die Behandlungsqualität hat sich dadurch sehr verbessert, gleichzeitig stiegen aber auch die Kosten einer sachgerechten Diagnostik und Behandlung drastisch.


Inzwischen sind wir schon wieder einen Schritt weiter. Statt zwei Röntgenaufnahmen gelten inzwischen mindestens vier als Standard, fachgerechte Okklusionskorrekturen der Backenzähne sind absolut nur unter Narkose durchführbar. Wieder eine klare Qualitätsverbesserung, denn die früher so häufigen Kieferabszesse kommen inzwischen nur noch vergleichsweise selten vor, aber natürlich wieder einhergehend mit weiter steigenden Kosten für den Tierhalter. Auch in Bezug auf die Kaninchen-Anästhesie und die früher als geradezu unmöglich geltende Magen-Darm-Chirurgie liegen Welten zwischen dem, was vor 10 Jahren machbar war, und dem, was wir heute wissen und können. Zusammenfassend kann man feststellen, dass wir kaninchenkundigen Tierärzte genau das getan haben, was die Tierhalter von uns verlangt haben, nämlich unser Wissen und unsere Fähigkeiten mit Hochdruck zu verbessern. Nur: Genau so billig wie früher kann das dann natürlich nicht mehr sein.


Ich habe durchaus ein gewisses Verständnis für jeden, der bei den Kosten, die ein krankes Kaninchen (Kaufpreis 25 Euro) verursachen kann, aus allen Wolken fällt. Es ist aber nun mal nicht so, dass die auf diese Probleme spezialisierten Tierärzte aus dem finanziellen Risiko der Kaninchenhaltung ein Geheimnis machen würden. Fragen muss man uns allerdings, und zwar am besten vor dem Erwerb eines Tieres, was leider zu unserem Erstaunen extrem selten gemacht wird. Die Pflicht zu sorgfältigster Informationsbeschaffung vor dem Kauf eines Lebewesens kann Ihnen aber niemand abnehmen, da sind Sie als Tierbesitzer in der Bringschuld. Hinterher, wenn der Schaden eingetreten ist und das Kaninchen zum regelmäßigen und teuren Zahnpatienten geworden ist, vom Tierarzt die Einschläferung dieses Tieres zu fordern, weil es einem zu viel wird, ist keine vom Tierschutzgesetz vorgesehene Lösung.


Deshalb meine dringende Bitte: Denken Sie lange und gründlich nach, rufen Sie uns an und befragen Sie uns, informieren Sie sich so umfassend wie möglich, bevor Sie sich entschließen, Kaninchen als Haustiere zu halten. Solange ein lebendes Kaninchen im Zooladen perverserweise nur die Hälfte eines Stoffkaninchens von Steiff kostet, bei Erkrankungen aber genau so teuer werden kann wie jeder Hund, muss der Tierhalter sich der erläuterten Risiken unbedingt bewusst sein.


Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr


Ralph Rückert


 


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Bei den Quellen 16, 89077 Ulm / Söflingen


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