Ralph Rückert
Tierarzt
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Die Vasektomie (Sterilisation) beim Rüden

12.08.2015
Von Ralph Rückert, Tierarzt

Dieser Tage haben wir mal wieder einen Rüden vasektomiert, dessen Besitzer mit ihm aus über 200 Kilometern Entfernung angereist ist, weil er in seiner Umgebung trotz intensiver Bemühungen keine Praxis und keine Klinik finden konnte, die diesen Eingriff hätte durchführen können bzw. wollen. Um es mal in aller Kürze zu sagen: Die Operation ist kein chirurgisches Wunderwerk, mit wenigen Komplikationen belastet und unter bestimmten Umständen durchaus sinnvoll!
Um einer Begriffsverwirrung vorzubeugen: Normalerweise werden Tiere beiderlei Geschlechts kastriert, das heißt, es werden die Keimdrüsen (Hoden oder Eierstöcke) entfernt. Bei der Sterilisation werden beim weiblichen Tier die Eileiter blockiert, beim männlichen Tier die Samenleiter durchtrennt. Die Sterilisation beim Mann und beim Rüden wird meist als Vasektomie bezeichnet.

Zur Durchführung: Zwischen dem im Hodensack liegenden Hoden und dem Leistenring wird durch einen kleinen Schnitt (1 - 2 cm) in Haut und Unterhaut der Samenleiter aufgesucht. Dieser wird zweimal unterbunden und das zwischen den Abbindungen (Ligaturen) liegende Stück entfernt. Damit ist der Samenleiter dauerhaft unterbrochen, es kommen keine Spermien aus den Hoden mehr ins Ejakulat. Wie beim Mann auch hat der Eingriff beim Rüden keine hormonellen Folgen. Die Libido und die Beischlaffähigkeit bleiben vollständig erhalten. Es können nur keine Nachkommen mehr gezeugt werden. Allerdings ist das Ejakulat des Rüden erst nach einiger Zeit (2 - 4 Wochen) sicher frei von Spermien.

Wie schon erwähnt, gibt es nur wenige postoperative Komplikationen. Es können (wie bei der Kastration) sowohl im Schnittbereich als auch am Hodensack Schwellungen und leichte Hämatome (Blutergüsse) auftreten, die aber nach wenigen Tagen abgeklungen sein sollten. Die postoperativen Schmerzen sind wesentlich geringer als nach einer Kastration. Trotzdem sollte für zwei bis drei Tage ein Schmerzmittel verabreicht werden. Regelmäßiges Kühlen des Wundbereiches einschließlich der Hoden kann abschwellend und schmerzlindernd wirken. Eine Bewegungseinschränkung für eine gute Woche ist sinnvoll. In der Regel nähen wir die beiden kleinen Wunden intracutan, also mit in die Haut versenkten Fäden, so dass kein Fädenziehen notwendig wird.

Aus chirurgischer Sicht also keine große Sache. Der Eingriff ist bei uns trotzdem etwas teurer als eine Kastration, weil im Vergleich zur Ruckzuck-Aktion Kastration wesentlich filigraneres Arbeiten erforderlich ist.

Warum hat nun der oben erwähnte Rüdenbesitzer keine Praxis oder Klinik gefunden, die ihm hätte helfen wollen? Ganz genau weiß ich das nicht, aber die meisten Kolleginnen und Kollegen halten eine Sterilisation für Unsinn, obwohl sie unter bestimmten Umständen eben durchaus Sinn machen kann. Der gerade operierte Rüde zum Beispiel soll im Schlittensport eingesetzt werden und kann demzufolge die fortgesetzte anabole Wirkung des von den Hoden produzierten Testosterons sehr gut brauchen. Sein Besitzer hält aber auch Hündinnen und möchte auf gar keinen Fall, auch nicht durch eine kurze Unachtsamkeit, ungeplanten Nachwuchs. Die beste Lösung war in diesem Fall ganz klar die Vasektomie des jungen Rüden.

Gerade was das Zusammenleben oder das häufige Zusammentreffen von nicht kastrierten Hündinnen mit Rüden angeht, kann die Vasektomie eine gute Option sein für Besitzer, die aus verschiedensten Gründen eine Kastration des/der Rüden ablehnen. Ich kann also die offenbar weitverbreitete bockige Haltung vieler Kolleginnen und Kollegen nicht wirklich nachvollziehen, zumal die Vasektomie eine später eventuell aus medizinischen Gründen notwendig werdende Kastration in keinster Weise erschwert.

Übrigens: Wenn es den diversen Tierschutzorganisationen, die die in ihrer Obhut befindlichen Rüden fast reflexartig kastrieren lassen, mit ihrem gern angeführten Gedanken der Populationskontrolle wirklich ernst wäre, dann müssten diese Tiere definitiv alle vasektomiert und nicht kastriert werden. Die Vasektomie erfüllt diesen Zweck mit geringstmöglichen Mitteln voll und ganz, hat aber für die Rüden keine der mit der Kastration verbundenen gesamtkörperliche Auswirkungen. Viele werden das nicht hören wollen, aber wenn es wirklich nur um die Verhinderung einer unkontrollierten Fortpflanzung geht, dann ist eine Kastration (im Vergleich zu einer Vasektomie) eigentlich ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz!

Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr

Ralph Rückert

© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Bei den Quellen 16, 89077 Ulm / Söflingen

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