Ralph Rückert
Tierarzt und Blogger
Römerstraße 71
89077 Ulm
Telefon: 0731/382766
Notrufnummer:

0171/744 92 46

Darmbarriere und Nulldiät

28.11.2015
Von Ralph Rückert, Tierarzt

Ein auch Aas, Kot und Lebensmittelabfälle nicht verschmähendes Raubtier wie der Hund, genetisch gesehen irgendwo auf dem langen Weg vom Fleisch- zum Allesfresser, fängt sich in seinem Leben so einige Magen-Darm-Geschichten mit Durchfall und/oder Erbrechen ein. Bei jeder dieser Episoden muss man davon ausgehen, dass die Darmbarriere zumindest zeitweise in ihrer Funktion gestört ist. Das bringt Risiken mit sich, die man im Kopf behalten sollte.
Bild zur Neuigkeit
Darmbarriere - was ist das? In meinen Augen eines der ganz großen Wunder der Physiologie, ist die Darmwand die größte Grenzschicht zwischen dem Körperinneren und der Außenwelt. Selbst bei einem nur mittelgroßen Hund reden wir hier von einer Fläche, die größer ist als eine durchschnittliche Drei-Zimmer-Wohnung! Auf dieser geradezu gewaltigen Fläche spielen sich permanent hochkomplizierte und absolut lebenswichtige Vorgänge ab.

Die Darmbarriere muss ständig, jede Sekunde des Lebens und unzählige Male pro Sekunde, darüber entscheiden, wen oder was sie ins Körperinnere durchlässt und wen oder was nicht. Korrekt aufgespaltene Nährstoffe und Wasser müssen und sollen ungehindert passieren, für den Darm segensreiche, aber im Körperinneren potentiell gefährliche Bakterien und andere Antigene wie Viren und Parasiten müssen um jeden Preis aufgehalten werden.

Vereinfacht dargestellt besteht die erste und entscheidende Schicht der Darmwand aus den Deck- (Epithel-)Zellen, deren Zwischenräume durch eine Besonderheit, die sogenannten Tight Junctions oder Schlussleisten, weiter abgedichtet werden. Bei einer Enteritis (Darmentzündung) werden diese Tight Junctions leck, es können also sowohl Partikel und Flüssigkeit aus dem Blut in das Darminnere einströmen (Resultat Durchfall) als auch Bakterien, Viren und noch nicht korrekt aufgespaltene (verdaute) Nahrungsmoleküle in das Körperinnere vordringen. Die daraus resultierende Verstärkung der Entzündung macht die Tight Junctions noch mehr undicht, es besteht die Gefahr der Entstehung eines Teufelskreises.

Die medizinische Behandlung der vielen verschiedenen Formen von Darmentzündungen ist viel zu komplex, um sie hier darzustellen. Mir geht es in diesem Artikel nur um einen speziellen Punkt, der für Sie als Tierbesitzer vom ersten Moment an wichtig ist. Der Hund (und in gewissen Grenzen auch die Katze) verfügt über eine ganz natürliche und in meinen Augen sehr wichtige instinktive Reaktion auf ernstere Störungen der Darmgesundheit: Die Futteraufnahme wird eingestellt! Das ist eine richtig gute Sache und wird leider von vielen Besitzern aktiv und zum Schaden des Tieres hintertrieben.

Früher war das fast Allgemeingut: Bei Durchfall (mit oder ohne Erbrechen) erst mal 24 bis 36 Stunden Nulldiät! Nulldiät bedeutet: Nur Wasser, aber keine (nicht ein Fitzelchen!) Nahrung, auch nicht in flüssiger Form. Warum ist das so wichtig? Der entzündete Darm und seine eventuell ebenfalls von der Erkrankung betroffenen Drüsen, die Leber und die Bauchspeicheldrüse (Pankreas), bekommen eine echte Atempause, die Darmbarriere wird von vielen ihrer Aufgaben befreit. Dadurch besteht die reelle Chance, dass das Immunsystem ausreichend hochfahren kann, um die Erkrankung ohne weitere Maßnahmen von außen niederschlagen zu können. Außerdem wird den eventuell im Darm anwesenden Krankheitserregern durch den Nahrungsentzug so richtig schön der Teppich unter den Füßen weggezogen.

Heutzutage wird viel zu häufig, angeregt durch Tipps aus Foren und Facebook-Gruppen, sofort versucht, die völlig korrekte Futterverweigerung des Hundes mit den absonderlichsten Diäten zu umgehen, was ich für grundverkehrt halte. Von den oben schon aufgeführten Argumenten für eine Nulldiät mal abgesehen, gibt es noch einen Punkt, der in der heutigen Zeit immer wichtiger wird. Wir erinnern uns: Die Tight Junctions sind bei einer Darmerkrankung undicht geworden. Es können also neben Bakterien und Viren auch unverdaute Nahrungsmoleküle in den Körper eindringen, und das ist eine der Möglichkeiten für die Entstehung von Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeiten. Das Immunsystem wird mit diesen Riesenmolekülen (die da ja wirklich nichts zu suchen haben) konfrontiert, stuft sie logischerweise als feindselig ein, und ruckzuck ist die Sensibilisierung passiert. Wird dieses Nahrungsmittel in Zukunft aufgenommen, sind Probleme vorprogrammiert.

Also: Halten Sie bei einer Futterverweigerung Ihres Hundes erst mal die Füße still. Es spricht ja bei entsprechender Beunruhigung Ihrerseits nichts dagegen, beim Tierarzt vorstellig zu werden, aber versuchen Sie auf keinen Fall, durch irgendwelche Tricks eine Nahrungsaufnahme zu erzwingen. Bei Fressmaschinen wie zum Beispiel Labrador und Cocker, die die Futteraufnahme erst fünf Minuten vor Eintritt des Todes einstellen würden, müssen bei Durchfall eben wir Besitzer auf die Bremse treten und den Futternapf für einen Tag einfach leer lassen. Eine Nulldiät der angegebenen Dauer kann eigentlich nie schaden, aber sehr viel nützen. Erst nach dieser Zwangspause für die Darmbarriere steigt man dann mit einer wie auch immer gearteten Schonkost ein.

Vielleicht noch ein letzter Hinweis: Mal etwas breiiger oder ungeformter Kot für nicht mehr als einen Tag und bei ungestörtem Allgemeinbefinden ist kein Durchfall!

Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr

Ralph Rückert


© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Bei den Quellen 16, 89077 Ulm / Söflingen

Sie können jederzeit und ohne meine Erlaubnis auf diesen Artikel verlinken oder ihn auf Facebook bzw. GooglePlus teilen. Jegliche Vervielfältigung oder Nachveröffentlichung, ob in elektronischer Form oder im Druck, kann nur mit meinem schriftlich eingeholten und erteilten Einverständnis erfolgen. Von mir genehmigte Nachveröffentlichungen müssen den jeweiligen Artikel völlig unverändert lassen, also ohne Weglassungen, Hinzufügungen oder Hervorhebungen. Eine Umwandlung in andere Dateiformate wie PDF ist nicht gestattet. In Printmedien sind dem Artikel die vollständigen Quellenangaben inkl. meiner Praxis-Homepage beizufügen, bei Online-Nachveröffentlichung ist zusätzlich ein anklickbarer Link auf meine Praxis-Homepage oder den Original-Artikel im Blog nötig.